Medien : Handke, Sloterdijk und ein paar Prolls

Tom Peuckert

Vor genau 100 Jahren ist Paul Cézanne gestorben. Ein Erfinder der modernen Malerei, der Vater von uns allen, wie Picasso sagte. Das Deutschlandradio feiert Cézanne mit einer großformatigen Hörspielreihe. Bis zum Jahresende geht es in fast allen Hörspielen des Senders um berühmte Maler. Kokoschka, van Gogh, Grosz, Giacometti – sie alle macht das Radio zu dramatischen Hauptfiguren. Den spiritus rector der Reihe hat Autor Robert Brammer in seinem Feature „Bilder, die uns anschauen“ porträtiert. Cézanne, der mit genialer Intuition die menschliche Wahrnehmung erforscht. Sehen als aktiver, die Welt erschaffender Vorgang. Sich als Maler so logisch wie möglich ausdrücken, das war Cézannes Credo (Deutschlandradio Kultur, 11. Oktober, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

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Die Philosophin Hannah Arendt reist 1949 durch Deutschland. Sie ist hier geboren, hat bei Heidegger und Jaspers studiert, musste später als Jüdin emigrieren. Nun betrachtet sie mit nüchternem Blick ein Volk, das gerade eine weltgeschichtliche Katastrophe verursacht hat. Unter dem Titel „Besuch in Deutschland“ veröffentlicht sie ein Buch mit ihren Eindrücken. Im Feature „ Wie recht du hattest, nie wieder zurück zu wollen…“ stellt Sabine Küchler dieses noch immer äußerst lesenswerte Buch und seine Autorin vor (Deutschlandfunk, 13. Oktober, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz).

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Vor fast 40 Jahren hatte Peter Handke mit seiner „Publikumsbeschimpfung“ einen Welterfolg am Theater. Eine ausufernde Schmährede gegen das bürgerliche Publikum, seine Sichtweisen und Erwartungshaltungen. Nun ist Handke zu den Wurzeln zurückgekehrt. Im neuesten Drama „Untertagblues“ beschimpft ein „wilder Mann“ imaginäre Mitreisende in einem U-Bahn-Waggon – und durch deren Schemen hindurch natürlich das Theaterpublikum. Der Mann schimpft ästhetisch, politisch, moralisch. Er schimpft ohne Mitleid und Toleranz. Bis eine Frau ihm die Verbalkeule aus der Hand nimmt und mit noch wilderer Entschlossenheit zurückschlägt. Wer Handkes Drama am Theater verpasst hat, kann es nun in einer schönen Hörspielversion erleben (Deutschlandfunk, 14. Oktober, 20 Uhr 05).

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Jedes neue Buch des Philosophen Peter Sloterdijk stürzt den Lesenden in ein Wechselbad der Gefühle. Handelt es sich hier um den originellsten Kopf der Gegenwart oder doch nur um einen irgendwie genialen Wortakrobaten und Begriffszauberer? Wer miträtseln möchte, kann Sloterdijk nun im Radio hören. Ein Mitschnitt einer Diskussion unter dem Titel „Aus dem Weltinneren des Kapitals“ . Im betörenden Sloterdijk-Sound spricht Sloterdijk über seinen Blick auf die Globalisierung (Kulturradio, 17. Oktober, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Radioautor Christoph Spittler ist studierter Ethnologe. Als solcher hat er sich dem seltsamen Phänomen des „Proll“ zugewandt. Ein gern verwendetes Klischee in deutschen Schimpfreden, eine Urformel im sozialen Distanzierungszauber. Wer aber ist wirklich ein Proll? Was verbirgt sich hinter der trüben Worthülse? Seine weit ausgreifende Feldstudie verpackt Spittler in einer munteren Radioshow. Im Feature „Der Proll“ parlieren auf „109.8 Proll FM“ feine und weniger feine Stimmen munter durcheinander. Angeheizt von Moderator Christopher gibt jeder sein Wissen über den Proll und das Prollsein zum Besten (Deutschlandradio Kultur, 18. Oktober, 0 Uhr 05).

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