Medien : Hannelore Kohl: Tausend Tode

Erik Heier

Ihr gehört der Aufmacher. Ihr Bild ist auf allen Titelseiten. Dieses eine Mal spielt in Deutschland eine Frau die Hauptrolle, die jahrzehntelang auf die beste Nebenrolle abonniert zu sein schien, die in der deutschen Politik zu vergeben ist. Sie wollte stets im Hintergrund bleiben, aber auf das, was sie wollte, kommt es nicht mehr an. Sie ist tot. Wegen dieses Todes haben "Stern", "Bunte" und "Super Illu" ihren Erscheinungstermin um zwei Tage vorgezogen. Und "Gala" bricht morgen mit dem Grundsatz, keine Toten auf das Cover zu heben. Hannelore Kohls Ende ist aber nicht nur deshalb ein Großereignis, weil es die Menschen bewegt. Ihr Tod ist auch politisch.

Zum Thema Porträt:
Mehr als eine stille Helferin hinter einem mächtigen Mann
Reaktionen:
Großartige und couragierte Frau
Fototour:
Das Leben der Hannelore Kohl Unmittelbar nach der Nachricht, heißt es in Medienkreisen, habe der "Stern" für eine sechsstellige Summe sämtliche verfügbaren Hannelore-Kohl-Fotos aufgekauft, als "exklusive" Illustration. Den Tenor gibt Chefredakteur Thomas Osterkorn im Editorial vor: "Hannelore Kohl fand, dass sich ihr Leben im Schatten von Helmut Kohl nicht länger lohnt." Über acht Foto-Doppelseiten breitet der "Stern" Bilder aus, die Hannelore als Beiwerk zum physisch überpräsenten Kohl zeigt, immer daneben, oft dabei, selten mittendrin. Der "Spiegel" versucht, über zwölf Seiten ein weiteres Mal das System Kohl zu analysieren und zu kritisieren, diesmal anhand der Kanzlergattin. Dabei weitet er die Story auf andere Politikerfrauen aus - Frau Brandt, Frau Schröder, Frau Strauß. Schärfer dagegen spitzt es der "Stern" zu: "Hannelore, allein am Haus", "Immer da - nie im Weg. Ganz wie der Mann es gerade braucht". Der Freitod erscheint als "emanzipatorischer Akt", nicht als letzte Flucht vor einer Lichtallergie. Gab es die Krankheit überhaupt, zumindest so, wie behauptet? Der "Stern" lässt zwei Dermatologen und einen Psychologen zu Wort kommen. Sie zweifeln.

"Stern" und "Spiegel" portraitieren Hannelore und meinen Helmut. So wird die Tote instrumentalisiert. "Focus", ohne Titelfoto der ehemaligen First Lady, vermeidet jede Schuldzuweisung an den Altkanzler, auch wenn "Focus" vom "Schatten, den er warf und in dem sie lebte", schreibt und von "Genickstarre, wenn sie zu ihm aufschaute". Das Bild der in ihrer Rolle aufgehenden Kanzlergattin, der "Dulderin" von "preußischer Disziplin", ihr Selbstbild, bleibt gewahrt: "Stoisch trug sie ihr Leiden, und stoisch war auch ihr Ende". "Focus" steht politisch in einer anderen Ecke als "Stern" und "Spiegel".

Seit Tagen schildert "Bild" Helmut Kohl, den Mustergatten, den trauernden Ehemann. Der CSU-Politiker Peter Gauweiler schiebt in "Bild" denjenigen die Schuld zu, die Helmut Kohl wegen der Spendenaffäre in die Enge trieben. "Rufmord" sei das gewesen, der die Krankheit "wie ein Hochwasser gesteigert" habe. "Stern" und "Spiegel" dagegen verweisen auf die Entfremdung in der Ehe der Kohls, mit Tabu brechender Deutlichkeit benennen sie Kohls Vertraute Juliane Weber. In "Focus" wird die Sache als Gerücht erwähnt, nicht als kaum verhohlene Gewissheit. Politiker privat, intim sogar, gegen ihren Willen und abseits der inszenierten Home-Stories - daran verbrannte man sich hierzulande, im Gegensatz zu den USA, schnell die Finger. Jetzt geht man, wieder einmal, einen Schritt weiter.

Deutschland leistet Deutungsarbeit. "Dramatisches Ende einer wunderbaren Liebesgeschichte", heißt es im Sonderbericht der fast ausschließlich im Osten Deutschlands gelesenen "Super Illu". In der Illustrierten baut sich der Mythos der Kanzlergattin, der Familienbeschützerin, der heimischen Kochfrau in ganzer Breite auf. Und "Bunte", mit Starautor Paul Sahner an der Spitze, bereitet der Politikerfrau mit der Rekonstruktion ihrer letzten Tage und mit Prominentenstimmen von Katrin Stoiber bis Roberto Blanco das letzte Geleit. Dabei lässt das People-Magazin freilich durchblicken, dass die Frau daran litt, wie der Mann sie behandelte: "Es ist gut denkbar, dass sie die Begründung für ihre Lebensmüdigkeit so zuschnitt, dass das ganze Ausmaß ihrer Verlassenheit hinter diesem scheinbar schlüssigen Wort Lichtallergie verborgen blieb." Auf den Fotos ist sie immer die lächelnde, stets perfekt frisierte und zeitlos altmodisch gekleidete Frau, meist bei offiziellen Anlässen, häufig neben ihrem Mann: Sie, die Schattengestalt, die erst durch ihren Tod ins Zentrum des Interesses rückte, anstatt am Rand zu bleiben - dort, wo Helmut Kohl sie ließ, dort, wo sie sich selbst sah. Neben der Lichtgestalt.

Nur wenige haben es verstanden, ohne erkennbaren politischen Hintersinn den Menschen hinter dem medialen Image zu erfassen. Zum Beispiel "Max"-Autorin Ulrike Posche. Sie schreibt über "die gedemütigte ZNS-Spenderin, die CDU-Kanzlersfrau, die stille Gratis-Arbeiterin für Deutschland". "Aber jetzt hatte sie, nüchtern betrachtet, irgendwie auch ihre Pflicht getan. Sie musste nicht länger durchhalten, und sie wurde nicht mehr gebraucht. Alles war vollbracht."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben