Medien : Hans Dichand: Der erste Diener seiner Krone

Thomas Maurer

Hans Dichand feiert heute seinen achtzigsten Geburtstag und hält die "Kronen Zeitung", deren Eigentümer und Chefredakteur er ist, immer noch so eisern im Griff wie diese die öffentliche Meinung in Österreich. Wie aber erklärt man Hans Dichand und die "Kronen Zeitung" Menschen, die nicht im unmittelbaren Einflussgebiet von Hans Dichand und der "Krone" leben?

Ich habe einmal neben einer Brauerei gelebt, und wenn ich Leuten davon erzählt habe, wie das so ist, wenn man den Brauereigeruch, obwohl man ihn gar nicht mehr wahrnimmt, ständig an und um sich hat, dann haben meine Gesprächspartner einfühlsam mit dem Kopf genickt, mir Anteilnahme bedeutet und so getan, als wüssten sie, wie es ist, neben einer Brauerei zu leben. Gar nix wussten sie. Ungefähr so ist es mit der "Krone". Vor ungefähr 27 Jahren habe ich lesen gelernt: Buchstäblich anhand der "Krone", deren leichte Lesbarkeit bis heute ein Garant des Erfolges ist. Und seit damals wirkt die "Krone" wie eine Naturerscheinung mit ihrem immer gleichen Layout und ihren immer gleichen Ressentiments, mit ihren verlässlichen Kampagnen, Kreuzworträtseln und Kolumnisten, eingebettet in einen wechselhaften und doch ewig gleichen, nie abreißenden Strom von Neuigkeiten, Busenmädchen und Tiergeschichten. Eine Naturerscheinung, die man, wie ja die Alpen auch, hinnehmen oder ignorieren, hassen oder lieben, bewundern oder als erdrückend empfinden kann. Wegbekommen wird man sie jedenfalls nicht. Aber wenn ich das erzähle, ist das wie die Sache mit der Brauerei: Alle werden verständig nicken, sich teilnahmsvoll äußern - und nix begriffen haben.

Um zu verstehen, was die "Krone" ist und wie sie funktioniert, muss man vermutlich ein gutes Jahrzehnt Österreich, der drangvollen Enge seiner Medienlandschaft und den konstant wahrnehmbaren Dünsten dessen, was gerade mal wieder in der "Krone" zusammengebraut wird, ausgesetzt gewesen sein. Ich kann jeden verstehen, der diese Erfahrung scheut.

Natürlich ist die "Krone" gar nichts Besonderes. Überall in der westlichen Welt neigen Boulevardzeitungen dazu, rechts zu stehen, Neuerungen (außer auf dem Gebiet der Automobiltechnik) abzulehnen, einem streng riechenden Patriotismus zu huldigen und ihre Leserschaft im Glauben zu bestärken, dass die Summe ihrer Vorurteile bereits eine Weltanschauung sei.

Allerdings scheint das nirgendwo sonst so prächtig zu funktionieren. Dichands "Krone" ist, relativ zur Landesgröße, die größte Tageszeitung der Welt. "Bild" etwa müsste, um ebenso erfolgreich zu sein, die Reichweite beinahe verdreifachen. Die "Krone" ist es gewohnt, mitzuregieren und politische Direktiven an die auszugeben, die regieren. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Hans Dichand immer sagt, "Macht interessiert mich nicht, da streichle ich lieber zu Hause meinen Hund." Den Satz findet er offenbar so toll, dass er ihn fast zwanghaft in Interviews wiederholt - was vor meinem geistigen Auge mittlerweile das Bild von einem jammervollen, bis auf die rötlich entzündete Haut kahl gestreichelten Hundetieres aufsteigen lässt.

Es ist eine paradoxe Pointe der Geschichte, dass ausgerechnet der Regierungseintritt der FPÖ, zu deren politischem Aufstieg Hans Dichand vermutlich mehr beigetragen hat als jeder andere Österreicher außer Jörg Haider, den Mythos von der allmächtigen "Krone" empfindlich angeschrammt hat. Dichand wollte nämlich diesmal noch eine Fortsetzung der SPÖ-ÖVP-Koalition. Er machte dies in seinem Blatt unmissverständlich klar. Und als sich der ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel trotzdem anschickte, diese Direktive zu missachten, schoss er mit Schlagzeilen wie "Volkszorn trifft Schüssel voll!" ebenso vehement wie erfolglos auf diesen ein.

So etwas tut weh. Mittlerweile hat sich Dichand mit der Regierung ausgesöhnt. Schließlich möchte er sein Lebenswerk noch mit einem Privatfernsehsender krönen - da wäre der achtzigste Geburtstag natürlich ein wirklich netter Anlass. Er spielt die Rolle des etwas biederen, aber verantwortungsvollen Pater Familiae, der darauf schaut, dass in der großen Familie aller Österreicher alles mit rechten Dingen zugeht.

Aber irgendwie ist seither einiges nicht mehr wie früher. Und in die zahlreichen Gratulationen zum Achtzigsten mischen sich irritierte Untertöne: gespeist aus der schockierenden, aber unabweislichen Einsicht, dass auch die "Krone" - nur weil sie immer schon war, wie sie ist - nicht ewig wird so bleiben können, wie sie ist. Sicher, der Jubilar ist erschlagend fit und sieht aus wie das blühende Leben. Achtzig ist ein schönes Alter. Aber irgendwann wird sich die Anmutung eines vom gutmütig-autoritären Chef persönlich geführten Familienbetriebes (wenn auch mit deutscher Beteiligung der WAZ-Gruppe) nicht mehr aufrechterhalten lassen. Wird sich dann, fragt man sich bang, die "Krone" tatsächlich ändern? Und was wird dann aus Österreich?

Wir werden es ja sehen.

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