Hans Janke : Mann des Films fürs Fernsehen

Walser-Novellen, Graf-Krimis, Berben-Events – alles seins. Hans Janke verlässt das ZDF.

Dietrich Leder
Janke
TV-Intellektueller. Hans Janke hat sich um Quote mit Qualität bemüht. -Foto: pa/Sven Simon

Eine Kontrastfigur: Unter den vielen lauten Männern der Branche ist er einer der wenigen leisen. Und er ist – eine Rarität unter den Verantwortlichen deutscher Fernsehsender – keiner, der sich seiner Intellektualität schämt. Hans Janke, der Ende April in Pension geht, hat in den letzten Jahren in der Doppelfunktion als stellvertretender Programmdirektor und als Leiter der Hauptredaktion „Fernsehspiel“ im ZDF gearbeitet. Vor allem als Leiter des Fernsehspiels hat Janke viele Abende des ZDF geprägt. Besonders wichtig war und ist der Sendetermin am Montagabend um 20 Uhr 15.

Als Janke 1992 das Amt des Hauptredaktionsleiters antrat, begann der Fernsehfilm um 19 Uhr 25 im Anschluss an die Nachrichtensendung „heute“. Das war bereits eine Kalamität, denn der jeweilige Fernsehfilm konnte so nur mit den Zuschauern von „heute“ rechnen, aber nicht auf neue Zuschauer hoffen, da kaum ein Mensch um 19 Uhr 25 punktgenau sein Fernsehgerät ein- oder auf das ZDF umschaltet. Erschwerend kam später eine andere Kalamität hinzu, als dem Mainzer Sender infolge der neuen privaten Konkurrenz die Werbeeinnahmen wegbrachen. Nun musste ausgerechnet der Fernsehfilm um 19 Uhr 50 durch einen neuen Werbeblock unterbrochen werden. Unterbrecherwerbung in der klassischen Erzählform eines 90-minütigen Fernsehfilms war für Zuschauer eines öffentlich-rechtlichen Programms eine ziemlich ungewöhnliche Erfahrung.

Janke, der die Unterbrecherwerbung notgedrungen akzeptiert hatte, setzte alles daran, diese doppelte Kalamität abzuschaffen. Als er schließlich den Fernsehfilm auf den Termin 20 Uhr 15 verpflanzt und so auch von der Unterbrecherwerbung befreit hatte, erfand er mit dem Begriff „Der Fernsehfilm der Woche“ gleichsam ein Label, unter dem sich das filmische Angebot ausgezeichnet präsentieren und damit vermarkten ließ. Janke hatte den Fernsehfilm des ZDF so nicht nur aus seinen Fesseln gelöst, sondern ihn zugleich zur ersten „Qualitätsmarke“ des öffentlich-rechtlichen Senders erhoben.

Als „Fernsehfilm der Woche“ firmierte seitdem ein heterogenes Programm. Hier liefen die Verfilmung der Martin-Walser-Novelle „Ein fliehendes Pferd“, die kühlen Melodramen eines Dominik Graf und die unterkühlten Gesellschaftsstudien eines Christian Petzold ebenso wie dralle Komödien oder jene Filme, die deutlich sichtbar auf den attraktiven Leib einer der populären Schauspielerinnen und Schauspieler geschneidert wurden.

In den letzten Jahren verantwortete Janke einen doppelten Trend. Zum einen setzte er mehrfach im Jahr auf „TV-Events“, zu dem melodramatische Fernsehspiel-Mehrteiler durch hohen Werbeaufwand hochstilisiert wurden. Meist ging das riskante Spiel auf: Der Dreiteiler „Krupp – Eine deutsche Familie“ beispielsweise fand im März dieses Jahres ein sehr großes Publikum. Dass dazu die Geschichte des Industrieunternehmens vereinfacht und gleichzeitig das Melodrama der Familiengeschichte stark betont werden musste, entsprach durchaus der Strategie des Hans Janke. Denn erst dieser dramaturgische Trick erlaubte es, mit Iris Berben als Bertha Krupp den ZDF-Star in den Mittelpunkt des Films zu rücken.

Der zweite Trend des „Fernsehfilms der Woche“ heißt seit einigen Jahren Krimi. Mittlerweile wird neben dem ohnehin reichhaltigen Krimiangebot im ZDF jeder zweite Film am Montag um 20 Uhr 15 diesem Genre gewidmet. Dabei ist die Palette des Angebots groß. Sie reicht von Thrillern, die Regisseure wie Martin Eigler oder Matti Geschonnek in hoher inszenatorischer Perfektion vorlegen, über die multiperspektivisch erzählte Reihe „Nachtschicht“ von Lars Becker bis zu Filmreihen, in denen Schauspieler wie Hanns Zischler, Ulrich Noethen oder Mariele Millowitsch ungewöhnliche Kriminalbeamte spielen, die klassisch Mordfälle lösen müssen. Bei allem Anpassungsdruck an das Genre gelingen hier immer wieder neue und überraschende Variationen.

Die Mischung am Montagabend ist sehr erfolgreich. Der Fernsehfilm um 20 Uhr 15 erreicht durchschnittlich ein größeres und – für das ZDF besonders wichtig – ein leicht jüngeres Publikum als der Rest des Programms. Aber der erfolgreiche Trend zum „TV-Event“ und zum Krimi zeitigte auch Folgen für den klassischen Fernsehfilm, der von der Lebenswirklichkeit in Deutschland erzählt. Er kommt im ZDF zwar noch vor, ist aber eher die Ausnahme als die Regel. Häufiger ist er in der ARD auf deren vergleichbarem Sendeplatz am Mittwochabend zu finden.

Mit den ARD-Kollegen lieferte sich Janke in den letzten Jahren eine spannende Konkurrenz nicht nur um die Zuschauer, sondern auch um die Fernsehpreise der Nation. Eifersüchtig wachten alle darauf, dass ihre jeweiligen Favoriten angemessen beim Deutschen Fernsehpreis, beim Adolf-Grimme-Preis oder beim Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden berücksichtigt wurden. Selbst der zurückhaltende Hans Janke konnte durchaus sarkastisch formulieren, sollten seine Redaktionen beim Grimme-Preis nicht wie erwartet bedacht werden.

Das hat einen Grund im Werdegang des Hans Janke. Er arbeitete in den 70er Jahren als Medienkritiker. Seine Untersuchungen des laufenden Hörfunk- und Fernsehprogramms erschienen in Publikationen der evangelischen Publizistik. Der Kritiker Janke fiel dadurch auf, dass er sich seine Faszination für Personen, An- und Zumutungen durchaus eingestand. 1983 wurde Janke zum Leiter des Adolf-Grimme-Instituts ernannt, das unter anderem den gleichnamigen Fernsehpreis vergibt. Ihm ist die Öffnung des Preises für die populäreren Formen des Fernsehens zu verdanken. Und hier begegnete Janke wohl auch dem damaligen ZDF-Intendanten Dieter Stolte auf, der ihn 1989 zum ZDF nach Mainz holte.

Hans Janke hat seitdem den deutschen Fernsehfilm beeinflusst. Seine Leistung ist vergleichbar mit der seines Vorgängers Heinz Ungureit, der den Fernsehfilm im ZDF etabliert hatte, oder mit der eines Gunter Witte, der im WDR über 20 Jahre die Qualität des Fernsehfilms garantierte und mit dem ihn die Faszination für den Krimi verbindet. Dass Janke im ZDF nicht höher aufstieg, hat allein politische Gründe. Als 2002 der Programmdirektor Markus Schächter nach einem quälend langen Wahlverfahren zum Intendanten ernannt worden war, war Janke der erste Anwärter auf dessen alten Posten. Doch ein Programmdirektor Janke, der als sozialliberal galt, hätte der politischen Farbenlehre des ZDF widersprochen. So zog mit Thomas Bellut ein aus der innenpolitischen Berichterstattung kommender, aber der CDU/CSU nahe stehender Journalist an Janke vorbei. Kurze Zeit überlegte Janke, ob er zum neu gegründeten Südwestrundfunk (SWR) wechseln solle, ehe er sich entschloss, beim ZDF zu bleiben.

Hier folgt ihm nun mit Reinhold Elschot ein alter Wegbegleiter nach, den er einst im Grimme-Institut kennengelernt und den er bald zum ZDF geholt hatte. In den letzten Jahren hatte Elschot erfolgreich als Geschäftsführer der ZDF-Produktionstochter Network Movie gearbeitet. In der Sache bedeutet das also Kontinuität für das ZDF. Dennoch wird der eloquente Hans Janke – auch als Garant der öffentlich-rechtlichen Idee – seinem Sender fehlen.

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