Hans-Jürgen Tögel im Interview : „Verrisse waren mir egal“

Mit „Schwarzwaldklinik“, „Traumschiff“ und Rosamunde-Pilcher-Filmen hat Hans-Jürgen Tögel Milliarden TV-Zuschauer erreicht. Ein Interview mit dem Erfolgsregisseur zum 75. Geburtstag.

Tilmann P. Gangloff
Gruppenbild mit Regisseur: Hans-Jürgen Tögel (links) hat mit TV-Filmen und Serien wie „Das Traumschiff“ Milliarden Menschen erreicht. Den Ruhm heimsten andere ein. Mit Tögel im Bild: Harald Schmidt (v.l.n.r.), Siegfried Rauch, Heide Keller, Nick Wilder, Wolfgang Rademann und Inka Bause.
Gruppenbild mit Regisseur: Hans-Jürgen Tögel (links) hat mit TV-Filmen und Serien wie „Das Traumschiff“ Milliarden Menschen...Foto: dpa

Herr Tögel, Sie sind vermutlich der erfolgreichste deutsche Fernsehregisseur, aber außerhalb der TV-Branche kennt Sie praktisch niemand. Wie kommt das?

Das lässt sich ganz leicht erklären: Ich habe viele Jahre lang umgesetzt, was sich kreative Köpfe wie Helmut Ringelmann, der Produzent von Serien wie „Derrick“, „Der Alte“ und „Siska“, oder Wolfgang Rademann, der Erfinder von „Schwarzwaldklinik“ und „Traumschiff“, ausgedacht haben. Sie waren die Schöpfer, ich war der Réalisateur, wie die Franzosen sagen würden. Es hat mich zwar nie gestört, immer im zweiten Glied zu stehen, aber trotzdem habe ich auch deshalb meine Autobiografie geschrieben; meine Söhne sollten erfahren, was ich getrieben habe, wenn ich nicht zu Hause war.

Rademann hat stets gesagt, ihm seien viele Zuschauer lieber als positive Kritiken. Ihnen auch?

Ich habe Fernsehspiele mit einigen der größten deutschen Schauspieler gemacht, von Carl-Heinz Schroth bis Gert Fröbe, und unter anderem 1981 „Amphitryon“ gedreht. Die Kritiken waren hervorragend, die Einschaltquote weniger, sie betrug nur vier Prozent. Bei der „Schwarzwaldklinik“ waren es 64 Prozent, allerdings gab es dafür nur Verrisse, aber das war mir egal.

Dann war es kein Zufall, dass Sie ausschließlich fürs Fernsehen gearbeitet haben?

Ich wollte die Welt sehen und nicht bloß alle zwei Jahre einen Film machen, und das war in meiner Anfangszeit als Regisseur nur beim Fernsehen möglich. Aber ich bereue das nicht. Wenn man die Zuschauerzahlen aller meiner Arbeiten addiert, ergibt das vier Milliarden Menschen, die meine Filme gesehen haben. Ich habe derart viel gedreht, dass es zeitweise sogar Gerüchte gab, „Tögel“ sei ein Pseudonym, hinter dem sich mehrere Regisseure verbergen.

Obwohl Sie früh wussten, dass Sie Regie führen wollen, haben Sie eine Schauspielschule besucht. Warum?

Ich wollte wissen, wie ich die beste Leistung aus den Darstellern herausholen kann. Viele Regisseure machen sich nicht die Mühe, sich in ihre Schauspieler hineinzuversetzen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Beim Dreh einer erotischen Bettszene genierten sich die beiden Hauptdarsteller und baten mich, alle anderen Mitarbeiter wegzuschicken, aber das war ihnen noch nicht genug: Ich sollte mich ebenfalls ausziehen, was ich auch tat. Damit war das Eis gebrochen.

In Ihren Memoiren beschreiben Sie Ihre Lehrjahre als turbulente Zeit, in der Sie auch außerhalb Ihres Metiers eine Menge gelernt haben. Fehlt heutigen Regisseuren diese Schule des Lebens?

Heute hat Regie viel mehr mit Technik zu tun, deshalb ist die Hochschulausbildung sicher sinnvoll. Mir war es wichtiger, meinen Beruf als „Learning by Doing“ von der Pike auf zu lernen.

Trotzdem gab es einige lebensgefährliche Ereignisse, auf die Sie auch die beste Ausbildung nicht vorbereiten konnte.

Ja, das ist wahr. Unter anderem hatte ich bei den Dreharbeiten zu einer „Schwarzwaldklinik“-Folge eine schmerzhafte Begegnung mit einem Löwen, der mir ein Stück Fleisch aus der Wade gerissen hat, wobei ich gestehen muss, dass ich vor lauter Adrenalin gar keine Schmerzen hatte. Kurz zuvor wäre ich beinahe von einer Boa constrictor erwürgt worden. Ich wollte einer Schauspielerin vormachen, wie man mit der Schlange um den Hals tanzt, hatte aber nicht bedacht, dass es zu kalt für das Tier war, das sich dann sozusagen an mich gekuschelt hat. Ich hatte viel Glück in meinem Leben, meine Schutzengel waren schon in meiner Jugendzeit stark beschäftigt.

Waren die eifersüchtigen Ehefrauen der männlichen Stars, von denen Sie im Buch berichten, auch eine Gefahr?

Nicht für mich, aber das ist zum Glück ebenso Vergangenheit wie die „Besetzungscouch“. Mir ist es mal passiert, dass sich ein junges Ding vor meinen Augen entblättert hat. Ich habe das als sehr grotesk empfunden, aber gerade in den Sechzigern gab es viele attraktive Frauen, die auf diese Weise Karriere gemacht haben.

Was ist mit trinkenden Hauptdarstellern?

Das gab es erstaunlich oft. Ich habe Schauspieler erlebt, die sich regelrecht zugesoffen haben. Das kann sich heute niemand mehr leisten, weil man sofort regresspflichtig gemacht und gefeuert wird. Außerdem spricht sich so etwas ganz schnell rum, dann bekommt man keine Rollenangebote mehr.

In den Achtzigern haben Sie mit der „Schwarzwaldklinik“ regelmäßig bis zu 25 Millionen Zuschauer erreicht. Waren das die goldenen Jahre des öffentlich-rechtlichen TV?

Ja, und das lag nicht nur an Männern wie Ringelmann und Rademann, sondern auch an den Sendern. Da saßen Menschen mit Visionen, die für ihre Projekte brannten. Viele Redakteure betrachten ihre Arbeit heute nur als Job. Wenn ich so etwas sehe, frage ich mich oft: Welchen Beruf schwänzt der eigentlich?

Was hat sich seit jener Zeit stärker verändert: die Filme oder die Zuschauer?

Die Zuschauer; und deshalb die Filme. Früher reichte es, wenn Maria Schell auf der Leinwand weinte, dann hat das ganze Kino mitgeheult. Heute haben gerade die jungen Leute eine ganz andere Emotionalität. Die erfolgreichsten Kinofilme sind Materialschlachten aus Hollywood, die Hunderte Millionen Dollar gekostet haben und bis ins kleinste Detail ausgefeilt sind. Auch die Darstellung von Gewalt hat zugenommen. Heute ist eine Brutalität salonfähig, die früher gar nicht erlaubt gewesen wäre. Deshalb haben wir damals dafür gesorgt, dass sich die Gewalt in der Fantasie der Zuschauer abspielt, das war viel wirkungsvoller. Das Bedürfnis nach Spannung hat so stark zugenommen, dass der Krimi mittlerweile eine Art Lebenselixier für die Deutschen ist.

Die Fragen stellte Tilmann P. Gangloff

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