Harald Martenstein : Das bunte Sozialverhalten

Harald Martenstein über den Schnüffelauftrag der Bunten und Toleranz.

Martenstein
Harald Martenstein -Foto: Tsp

Im Auftrag der Zeitschrift „Bunte“ und mithilfe von Bewegungsmeldern unter der Fußmatte wurde das Liebesleben deutscher Politiker ausgeforscht, vor allem solcher Personen, die im Laufe des Lebens mit mutmaßlich mehr als einer Person Geschlechtsverkehr haben. Zielobjekte der konspirativen Aktionen waren unter anderem Oskar Lafontaine, Günther Oettinger, Wolfgang Tiefensee und Horst Seehofer. Die Chefredakteurin äußerte zu ihrer Rechtfertigung: „Das Sozialverhalten von Leitfiguren ist ein Thema für die Gesellschaft.“

Ich weiß nicht, wie Patricia Riekel auf den Gedanken kommt, dass Günther Oettinger für einen nennenswerten Teil der deutschen Bevölkerung eine Leitfigur sein könnte. Für mich selbst kann ich dies, with all high attention for Mister Ö., nur mit aller Entschiedenheit verneinen. Ich wollte niemals so sein wie Günther Oettinger. Ich glaube auch nicht, dass andere Personen mit dem Gedanken umherlaufen: „So ein Typ wie der Günther Oettinger will ich auch werden.“

Weder gibt es noch verbindliche Verhaltensnormen noch eine für alle verbindliche Moral. Die einen sind seriell monogam, die anderen polygam, wieder andere sind vierzig Jahre lang treu, und im Übrigen hat fast jeder für fast alles Verständnis. Das finde ich gut, denn bei allem, was man gegen den Wischiwaschibegriff „Toleranz“ vorbringen kann – es ist schon angenehmer, in einer toleranten Gesellschaft zu leben als in einer intoleranten.

Mit den Normen war es immer so: Die meisten haben sich, als es sie noch gab, nicht daran gehalten, denn die Norm ist stark, der Mensch aber ist schwach. Das wissen die Leute auch, die Leute wissen, auch ohne „Bunte“, dass in dieser Hinsicht viel gelogen wird, die Leute sind überhaupt klüger, als man denkt.

Die „Bunte“ macht sich lächerlich, wenn sie für ihre Schnüffelaktion ein linkes Aufklärungspathos bemüht. Es geht da vor allem um Neugier. Neugier ist menschlich. Auch Sexualität ist menschlich und legitim, trotzdem muss man sexuelle Belästigung nicht akzeptieren. Das heißt: Die Politiker, von denen ihre Wähler vor allem gute Politik erwarten und nicht eine Lebensführung nach dem Rollenmodell von Blacky Fuchsberger, haben ein Recht darauf, vor solchen Schnüffeleien geschützt zu werden. Auch ein Politiker hat Menschenrechte. Im Übrigen lehrt die Erfahrung, dass moralische Wackelkandidaten (Willy Brandt! Danton!) manchmal eine menschenfreundliche Politik umsetzen, und dass gerade die Tugendbolde (Adolf Hitler! Robespierre!) gelegentlich zur Blutgier neigen.

Wer aber seine Sexualität öffentlich zum Thema machen möchte, kann dies, gut bezahlt und gesellschaftlich mittlerweile akzeptiert, jederzeit in der Pornoindustrie tun.

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