Harald Martenstein : Gebt uns Zeit, Geld und Raum - statt Twitter

Was guter Journalismus braucht, ist nicht zuallererst Tempo und Kürze. Harald Martenstein über Twitter, die Medien und den Amoklauf von Winnenden.

Harald Martenstein
Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

An jedem Tag meines Lebens muss ich damit rechnen, dass ein Mensch, der mir nahe steht, von einem Verrückten umgebracht wird. Auch mich kann es erwischen. Diese Erkenntnis ist schwer auszuhalten, vernünftigerweise verdrängt man das. Solange wir leben, sind wir niemals ganz sicher. Wir werden es nie schaffen, unsere Elternhäuser, unsere Schulen, unsere Computer oder unsere Gesetze so einzurichten, dass es keine Morde mehr gibt. Wer so etwas sagt, löst bei etlichen Mitbürgern Aggressionen aus, so, als sei er dagegen, das zu tun, was zur Verminderung des Risikos getan werden kann, etwa, den Zugang zu Waffen zu erschweren. Das Publikum möchte beruhigt werden an solch einem Tag, es will belogen werden. Dieser und jenes ist schuld. Wir müssen das und das tun, dann sind wir endlich sicher.

Wir sind es nie. Wahr bleibt es trotzdem, dass unsere Gesellschaft heute im Durchschnitt weniger gewalttätig ist als vor 70 oder 150 Jahren. Wir wissen nur besser Bescheid über jede einzelne Gewalttat. Wenn etwas Spektakuläres geschieht, zum Beispiel in Winnenden, wird das Land anschließend von einer Gewaltnachrichten- und Gewaltdeutungswelle überrollt.

Natürlich gehören auch die Medien auf die Liste der potenziell Mitschuldigen, schließlich sind sie es, die in Sekundenschnelle aus jedem verrückten Mörder eine Berühmtheit machen. Dieser Gedanke dürfte für Mörder nicht ganz reizlos sein. Das neueste und schnellste Medium heißt „Twitter“, Kurznachrichten von maximal 140 Zeichen, die man sich aufs Handy senden lassen kann. Nach der Tat von Winnenden richtete die Zeitschrift „Focus“ einen Benutzer namens „Amoklauf“ ein. Die Twitter-Reporter vermischten banale Nachrichten („Verwirrende Lage in Winnenden“) mit Werkstattberichten („Drehen ab nach Wendlingen!“), Selbstreflexives („Ist es verwerflich, über Amokläufe zu twittern?“) mit Neuigkeiten solcher Art: „Jochen“ – der Chefredakteur – „hat Budget für zwei Zahnbürsten freigegeben. Focus-Online-Reporter bleiben in Winnenden.“ Die Diskussion über diese neue journalistische Form findet unter anderem in dem Blog des Medienjournalisten Stefan Niggemeier statt. Zu Recht geißelt Niggemeier die Belanglosigkeit und Kurzatmigkeit der Pseudo-News, die „Twitter“ in die Welt pustet. Ganz zu schweigen von der Pietät, die angesichts des Unglücks der Angehörigen angebracht wäre, aber für die auf „Twitter“ Zeit und Platz fehlen. Guter Journalismus braucht Zeit, Geld und Raum. Die Tendenz geht zu mehr Tempo, mehr Kürze und geringeren Etats. Nein, über die Ursachen dieses Verbrechens kann ich nichts sagen, und wenn das jemand kann, wird diese Person in zwei oder drei Jahren ein Buch darüber schreiben.

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