Medien : Harald, wir haben den Blues

Am Donnerstag gibt Schmidt in seiner TV-Show zum letzten Mal den Alleinunterhalter. Ein Abschied in sechs Kapiteln

Barbara Nolte

ZU VIEL FREI

Ich habe die „Schmidt-Show“ im letzten halben Jahr fast immer verschlafen. Ich meine das nicht als Qualitätsurteil. Ich weiß auch nicht, woran es liegt, dass ich an „Beckmann“- und „Maischberger“-Tagen um elf Uhr hellwach bin und mittwochs und donnerstags spätestens beim „Tagesthemen“-Wetter in einen Tiefschlaf falle. Ich hätte es gerne umgekehrt gehabt. Manchmal habe ich mittwochs und donnerstags bis um Viertel vor elf durchgehalten, doch dann kam nicht Schmidt, sondern Fußball oder eine Wiederholung irgendeiner Dokumentation. Schmidt hat zu viel freigemacht für sein Geld. Aber wenn ich ihn doch einmal sah, hat es sich gelohnt. Er war ein bisschen nachlässig geworden und hätte auch Ralf Kabelka behalten sollen, der in seiner Sat-1-Show den absurden Bundestagsabgeordneten Dr. Udo Brömme spielte. Schmidt hat sich zu sehr auf sich selbst verlassen. Deshalb habe ich nichts dagegen, wenn sie ihm jetzt Pocher zur Seite stellen. Nur hätten sie ihm nicht gleich einen Sendetag entziehen müssen. Eine kluge tägliche Late-Night-Show gehört zur öffentlich-rechtlichen Grundversorgung. Das kann nur Schmidt. Er ist allein an der Erwartungshaltung der Intendanten gescheitert: Das ganze Programm ist gähnend langweilig, nur Schmidt muss, wenn er nicht im Monatsturnus das Fernsehen neu erfindet, zur Strafe gleich hinter den „Scheibenwischer“ – wie diese Woche geschehen. Bald kommt mittwochs Plasberg. Er soll gut sein. Ich erwarte mir nicht viel von ihm. Nur eine neue Runde mit den immer gleichen Politikern. Ich werde sie oft verschlafen.Barbara Nolte

VOM HITLER ZUR WERBUNG

Am schönsten war es immer, wenn er Hitler war, manchmal für Sekunden nur, aber einmal, da war es am allerschönsten, da hat er, minutenlang, als Hitler vor den Gefahren des Rechtsextremismus gewarnt. Da war das Lachen anders im Studio als sonst, irgendwie weniger frei, vorsichtiger. Da hat er mal wieder die Grenzen der political correctness ausgetestet. Hat er immer getan. Darin ist er sowieso unerreicht. Er hat das Unterschichtenfernsehen „Unterschichtenfernsehen“ genannt – dafür müsste ihm von der Mittelschicht an aufwärts eigentlich in täglichen Spots direkt nach der Tagesschau gedankt werden. Und er hat den gepflegten Polen-Witz als zivilisationskritisches Element eingeführt, so lange bis es „unseren fantastischen polnischen Freunden“ zu viel wurde und ihm wohl auch.

Demnächst hat er Pocher zur Seite. Das müsste nicht sein. Wahrscheinlich ist es ein Feldversuch, ein Test, wie weit er gehen kann mit der Reduktion seiner selbst.

„Wir machen kurz Werbung.“

Doch, doch, es gab auch schwache Sendungen. Das war beruhigend. Nur die Mittelmäßigen sind schließlich immer in Hochform. Axel Vornbäumen

SEELE VERKAUFT

Schmidt, Harald: Ein deutsches Symptom. Schmidt, Harald transportierte die quotengestützte Aussage: Keiner muss je erwachsen werden, denn auch mit adoleszentem Zynismus und dreistem Kalkül kommt man weiter, jedenfalls bei überdurchschnittlicher Eloquenz. Für viele der verunsicherten Generation Schmidt zwischen 1968 und Punk war das offenbar eine beruhigende Ware. Bemerkt jemand – wie neulich ein Meteorologe in der Schmidt-Sendung – zum Thema Prognosen: „Wir müssen alle sterben“, dann entsteht im Studio ein kleines Schockschweigen, ehe das gewohnte, hoch honorierte Oszillieren zwischen Mich-gibt-es-gar-nicht einerseits und Ich-blödle-also-bin-ich andererseits weiter trappelt und zappelt. Harald Schmidts Botschaft ist, dass es keine Botschaft gibt. Jeden Gedanken kann man nach einer Sekunde fallen lassen. Schmidt war am besten, wo kindlicher Charme ins Spiel kam, bei Playmobil-Szenarios, die Hamlet, Noahs Leben oder die Schlacht bei den Thermopylen nachstellten: Leuchtmomente, play therapy in action, schöpferisch und spielfreudig sowie dem wahren Alter des Moderators und seines Publikums entsprechend. Und wenigstens bei www.playmo-portal.com wurde Harald Schmidt dann eifrig diskutiert. Im Lauf der Jahre nun hat Sir Schmidt seine Seele verkauft. „Nu isse wech!“, hätte unsere Lüneburger Großmutter lakonisch festgestellt. Da wird so bald kein Pochen und Hämmern helfen. Caroline Fetscher

DAS FRAUENPROBLEM

Tausendundeine Umfrage besagt, dass Frauen an Männern vor allem Humor schätzen. Welcher Humor das ist, darüber wird noch gerätselt. Welcher Humor es nicht sein darf, ist gelöst. Es ist der Harald-Schmidt-Humor. Der mit dem Kerle-Kern. In meiner Harald-SchmidtAnfangsphase habe ich das gar nicht so richtig mitbekommen, dass Schmidt lief und ich zuguckte – allerdings: links und rechts und überall keine Frau. Erst nach zehn Jahren Schmidt-Schauen fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass sich nur Männer am Morgen die besten Sprüche vom Vorabend-Schmidt erzählten. Schon tragisch, dass Schmidt an den Frauen gescheitert ist, denn die sehen mehr fern als Männer. Nathalie Licard verschlägt da nix, sie hat null Prozent Geschlecht, Madame ist das Teletubbie Tinky Winky, bei dem nur der französische Handtäschchen-Akzent zählt. Harald Schmidt hat – ausgerechnet – wegen des Humors ein Frauenproblem. Zum Ausgleich holt er sich Oliver Pocher an seine Seite. Damit wird das Frauenproblem glatt verdoppelt, die Pocher-Pointen lappen voll in den Herrenwitz rüber. Aber Ausreden gelten jetzt nicht. Ich habe nicht wenige Frauen mit zu vielen Schmidt-Witzen gelangweilt. Das tut mir leid. Dafür entschuldige ich mich. Erst mal schriftlich. Auf Wunsch auch persönlich. Joachim Huber

OHNE EINANDER

Nach Harald Schmidt ins Bett gehe ich schon länger nicht mehr. Das war früher anders. In den 80ern. Harald Schmidt und Herbert Feuerstein Samstagabend im Ersten. „Schmidteinander“ hieß das Kleinod. Das Konzept: der Herr und sein Diener. Unerhörte Dialoge, unerhörte Sketche. Kein Konsenshumor. Eine Stunde Pflichtfernsehen, wichtiger als das „Sport-Studio“, das zur selben Zeit lief. Danach wurde Schmidt Late-Night-König bei Sat1. Von 1995 bis 2003, immer viertel nach elf. Ohne Feuerstein, dafür aber: der richtige Mann am falschen Platz. Bach-Kenner-Nonsens im Unterschichtenfernsehen, Playmobil- Hamlet statt Comedy-WG. Der fiktive Wahlkämpfer Dr. Brömme statt Westerwelle im Big-Brother-Container. Einmal legte Schmidt eine 15-minütige Sendepause ein. Zeit verrann, nichts passierte. Mitten im Privatfernsehen. Nie war die Glotze subversiver. Und nie versöhnlicher, mochte der Tag vorher noch so besch… sein. Hunderte von Mitternächten lang. Dann ging Schmidt für neun Millionen Euro ins Erste. Wenn dort bald Oliver Pocher an seine Seite kommt, werde ich an Feuerstein denken. Und vermutlich erst recht nicht aufbleiben. Markus Ehrenberg

LANGEWEILE ZUSEHEN

Es gibt in diesem Land keine Intellektuellen mehr, keine böseklugen Aufschreie zur aktuellen politischen Lage, keine irritierenden Meinungen, über die zu streiten lohnte. Die Alten sind müde geworden und die Jungen schreiben lieber über Milky Way und Playmobil. Hans Magnus Enzensberger raunt inzwischen so zahnlos aus dem „Spiegel“, als sei Kukident nie erfunden worden.

Medien brauchen trotzdem Intellektuelle, fürs Interview zur Lage der Nation, fürs gedankenschwere Essay, fürs schnelle Bonmot. So wurde in den vergangenen Jahren Harald Schmidt zum Alleswisser (im Urlaub hat ihn in dieser Rolle gerne Günther Jauch vertreten); der Mann spielt immerhin Händel vom Blatt ab und wartet auf Godot, da kann er doch was zur Pisa-Studie sagen oder bei Sabine Christiansen die Steuerreform erklären, auch der Hindukusch… – na Herr Schmidt, was meinen Sie denn so?

Er ist dann doch nicht so recht hineingewachsen in dieses Fach, auch wenn ihn Sat1 mit Otto Schily diskutieren ließ, er macht halt Witze, über Oliver Kahn ebenso wie über Asylbewerber, doch dauerhafter Unernst ersetzt nicht den Geist, und dann hat Schmidt der „Zeit“ gestanden, er langweile sich, so sehr langweile er sich, kriegt einen Haufen Geld fürs Sichlangweilen, aber es unterhält längst nicht mehr, ihm bei der Langeweile auch noch zusehen zu müssen. Am Donnerstagabend hat er ein paar nette Jokes abgesondert und sich über eine korpulente, hilflose Zuschauerin lustig gemacht; hat nicht begriffen, dass wahre Größe nie über die Schwachen herfällt.

Zeit, dass er geht.Norbert Thomma

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