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"Hart aber fair - extra" zu München : Wenn aus der Frage eine Anklage wird

Wie Amok und Terrorgefahr Deutschland verändern, wollte Frank Plasberg mit "Hart aber fair - extra" ergründen. Doch an die Stelle von Ursachenforschung tritt Emotion.

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Frank Plasberg hatte gewissermaßen eine "Münchner Runde" versammelt.
Frank Plasberg hatte gewissermaßen eine "Münchner Runde" versammelt.Foto: WDR/Oliver Ziebe

Auf welcher Eskalationsstufe die Wirklichkeit angekommen ist, zeigt schon das Thema der „Extra“-Ausgabe von „Hart aber fair“: „Amok in Zeiten des Terrors – wie verändert die Angst das Land?“ Amok, Terror, Angst, diese drei Schreckensbegriffe gehören zusammen, gehören dazu, wenn von Nizza, Würzburg, München die Rede ist- und ein Talkthema sein müssen.

Denn das ist schon auch die Frage, ob das Irreale, das Irrationale, das Irritierende dieser Tage und Wochen rationalisiert, im Gespräch verarbeitet, wenigstens begriffen werden kann. Die „Haf“-Redaktion hat dafür quasi eine „Münchner Runde“ zusammengeholt, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), die „SZ“-Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger, Marcus da Gloria Martins, Sprecher der Münchner Polizei und seit seinem souveränen Auftritten am Freitag ein moderner „Medienheld“. Wo es um Amokläufe junger Männer geht, da wird der Kriminologe Christian Pfeiffer aus Hannover eingeladen; wer, wenn nicht Pfeifer kann dem Publikum die Psyche des Täters deuten. Und der NDR-Journalist Björn Staschen soll die Rolle der sozialen Medien, ja, des ganzen Internets klären.

Die Stunde Talk leistet Ursachenforschung, Aufklärungsarbeit. Wer war David S., was war sein Umfeld, welche Killerspiele hat er gespielt, wie sehr haben ihn seine Mitschüler gemobbt, was haben die Lehrer und jene, bei denen David D. In Behandlung, übersehen, überhört? Es wird ein Menschen-, ein Täterprofil erstellt. Dabei hält sich die Runde doch an die Mahnung von Marcus da Gloria Martins, kein „Halbwissen“ herauszuposaunen, die Fakten über jede Spekulation zu stellen. David S. erhält eine Kontur, zumal er seine Tat ein Jahr geplant haben und nach Winnenden gefahren sein soll, wo 2009 Tim K. 15 Menschen und dann sich selbst erschossen hat.

Die „Extra“-Ausgabe von „Hart aber fair“ vor 3,74 Millionen Zuschauern bekommt über die eingenommene Perspektive einen Touch von „Aktenzeichen David S. - Ungelöst“. Die Eingangsfrage, „wie die Angst das Land verändert?“ ist vollkommen aus dem Fokus geraten, wenn sie jemals in diesen geraten sollte. Klar ist eine eindeutige Analyse schwierig, aber sie gar nicht zu versuchen, ist schon eine Minderleistung von Moderator Frank Plasberg und seiner Redaktion.

Eine Angehörige als Zeugin der Anklage für einen versagenden Staat

Beide hatten die Not offensichtlich erkannt und sich deswegen folgende Ersatzlösung ausgedacht: Was macht die Tat aus den Angehörigen der Opfer? Barbara Nalepa, deren Tochter in Winnenden ermordet wurde, sagt im Live-Interview, dass ihr Leben nicht mehr zu reparieren sei. Keinen Trost, keine Hoffnung hält sie für die Familien in München bereit. Sie fordert von der Politik Taten wie schärfere Waffengesetze und das Ende des fruchtlosen Blablas.

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Ist der Auftritt von Barbara Nalepa, den sie in der Talkshow wie auch den in den nachfolgenden „Tagesthemen“ freiwillig absolviert, richtig, also zielführend oder ist er fragwürdig, weil die untröstliche Mutter mit großer emotionaler Wucht Anklagepunkte aneinanderreiht, auf die die Runde und ihr sonst so umsichtiger Moderator nicht zu kommen scheinen oder nicht kommen wollen? Plasberg nimmt die Mutter zur Zeugin der Anklage für einen versagenden Staat. Diese Anklage ist aus dem Schmerz geboren. Frank Plasberg hätte Barbara Nalepa unbedingt stärker an die Hand nehmen müssen.

„Hart aber fair“ jedenfalls kippt damit aus der Ursachenforschung heraus. Das ist ein Fehler. Nur wer nach den allgemeinen wie individuellen Ursachen von Amok und Terror forscht, kann die Frage, welche und wie viel Angst gerechtfertigt ist, beantworten. Heißt auch: Information geht vor Emotion.

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