Medien : Hase und Igel

Quoten, Stars, Erfolgsformate. Was hat RTL, was andere nicht haben?

Thomas Gehringer

Man muss in diesen Tagen ein wenig um Marktführer RTL fürchten: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten angesichts der täglich auf die Schreibtische flatternden Erfolgsmeldungen leicht überschnappen. Vielleicht ist es an der Zeit für einige (bei www.zitat.de gefundene) Sinnsprüche, die bis heute Gültigkeit besitzen: Erfolg ist laut Norman Mailer „nur halb so schön, wenn es niemanden gibt, der einen beneidet“. Da wird es RTL sicher besonders schön haben. Nicht nur „Superstar“ („FAZ“) und „Branchenidol“ („Focus Money“) Gerhard Zeiler, schon Kaiser Napoleon wusste es: „Es ist der Erfolg, der die großen Männer macht.“ Und was passiert dann? „Erfolg verbessert den Charakter“, behauptete William Somerset Maugham. Max Frisch war anderer Meinung: „Erfolg verändert den Menschen nicht. Er entlarvt ihn.“

Nun ist die „Superstar“-Aufregung der vergangenen Wochen wohl eher dazu geeignet, die wirkliche Erfolgsgeschichte von RTL mit einigem Getöse zu überdecken. Denn ein solches TV-Event ist, nüchtern betrachtet, nur die Spitze eines mit Ausdauer und Professionalität beschrittenen Wegs. Der Kölner Sender ist seit einem Jahrzehnt Marktführer unter den kommerziellen Sendern: Der Vorsprung bei den Marktanteilen in der vermeintlich besonders werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen betrug im vergangenen Jahr stolze 5,6 Prozent vor Pro 7 und 6,5 Prozent vor Sat 1. Selbst die bereits vor Jahren erhofften Marktanteile von über 20 Prozent (2002 kam RTL auf 17,6) liegen wieder in Reichweite: In den ersten beiden Monaten des neuen Jahres kam RTL auf 19,6 bzw. 19,5 Prozent (im Jahr 2002 waren es „nur“ 17,6). Beim Gesamtpublikum können allenfalls ARD und ZDF mithalten (siehe Grafik), bei den Privatsendern spielt RTL in einer eigenen Liga. Pro 7 und Sat 1 sind nach der Kirch-Insolvenz vorerst keine ernsthaften Konkurrenten.

Dabei ist die Ausgangslage ganz ähnlich. Das Publikum hat sich „ein ganz einfaches Schema zurechtgelegt“, sagt ARD-Medienforscher Wolfgang Darschin: Die Privatsender könnten gut unterhalten, so die Aussagen des Fernsehvolks in Image-Umfragen, die Öffentlich-Rechtlichen gut informieren. Auch wenn gelegentlich Grenzen aufgebrochen würden und der Bildungsbürger regelmäßig bei „Wer wird Millionär?“ mitfiebert, bestehe diese „Funktionsteilung“ der Sendersysteme nach wie vor fort. RTL, so Darschin, gelte in Sachen Unterhaltung als besonders modern und innovativ. Die Kehrseite sei allerdings „ein leichter Hautgout von Unseriosität“.

Doch wie kein anderer Privatsender haben die News-Abteilungen unter RTL-Chefredakteur Hans Mahr im ARD/ZDF-Stammgebiet gewildert und sich auch bei den aktuellen Nachrichten einen enormen Vorsprung vor Sat 1 erarbeitet. Dabei geht es weniger ums Prestige: Bei RTL zappen weit weniger Zuschauer weg, um sich von „Tagesschau“ oder „heute“ informieren zu lassen. Der angestrebte „Audience Flow“, das stete Weiterreichen des Publikums von einer Sendung zur nächsten, bleibt zwischen Nachmittag, Vorabend und Primetime besser intakt als anderswo. Talk- und Gerichtsshows, „Explosiv“-Boulevard, Serien wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, Sitcoms und Comedys sind allesamt zuverlässige Quotenlieferanten.

Dabei hat der Marktführer weder Harald Schmidt und die Bundesligarechte, noch zeichnet er für jeden TV-Trend verantwortlich: Als das Interesse an den Talkshows am Nachmittag nachließ, fand zuerst Sat 1 mit „Richterin Barbara Salesch“ und „Richter Alexander Hold“ erfolgreichen Ersatz. Erst im Herbst 2002 sprang RTL mit zwei neuen Gerichtsformaten auf den fahrenden Zug auf, doch von Beginn an lagen alle drei Court-Shows („Familiengericht“, „Strafgericht“, „Jugendgericht“) vor der Sat-1-Konkurrenz. Zuweilen ähnelt der TV-Wettbewerb dem Rennen zwischen Hase und Igel. „Ich bin schon da“, rufen am Ende die RTL-Igel.

„Die Stetigkeit im Tagesprogramm war früher schon die halbe Miete“, sagt Darschin. Mit den besonderen Attraktionen am Abend wie dem „Millionär“ und dem „Superstar“ seien die Kölner nun „weit über andere hinaus“. Bernd Gäbler, Chef des Marler Grimme-Instituts, nennt das RTL-Erfolgsrezept „eine Mischung aus kühl kalkulierter Ökonomie, familienorientiertem Mainstream und einigen besonderen Höhepunkten“. Wobei manches „Event“ selbst für Branchenkenner ein Rätsel bleibt. „Ich begreife, wie Skispringen funktioniert, wie Formel 1 funktioniert, aber wie die Dominosteine funktionieren, begreife ich überhaupt nicht“, wundert sich Gäbler über Quotenrekorde selbst beim „Domino Day“. Für RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler ist die Angelegenheit dagegen klar. Ausschlaggebend sei „die große Breite und Qualität unseres Programms: RTL punktet in allen Genres.“

Das ist doch übertrieben. Denn unter Zeilers Sparkurs haben vor allem die eigenproduzierten Filme gelitten: „Es geht ausschließlich nach Quote“, kritisiert Gäbler. „Von dem Wagnis großer, eigener TV Movies hat sich RTL leider total verabschiedet.“ Auch dass RTL bei dokumentarischen Stoffen, bei Reportagen und Hintergrund-Berichterstattung sonderlich innovativ wäre, kann man dem Sender nicht nachsagen. Doch nun, da der zum Chef der RTL Group aufgestiegene Gerhard Zeiler nach zwei Krisenjahren für 2002 einen satten Gewinn ausweisen wird, wäre es eigentlich an der Zeit, sich an einen weiteren klugen Dichtersatz zu erinnern: „Am Mute hängt der Erfolg“, ließ Theodor Fontane den Baron Papageno in seiner Novelle „Stine“ sagen. Aber da gab’s ja noch keine Fernseher.

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