Medien : Hauen und Schreiben

ddp und DAPD, dpa, AFP, sid: Die Schlacht auf demMarkt der Nachrichtenagenturen hat begonnen

Daniel Bouhs

Zwei 49-Jährige mischen eine Branche auf, die bisher nicht dafür bekannt war, eigene Schlagzeilen zu produzieren. Die Multimillionäre Peter Löw und Martin Vorderwülbecke machen in Nachrichtenagenturen. Anfang 2009 kaufen sie erst den Deutschen Depeschendienst (ddp), in der Adventszeit folgte der hiesige Ableger der Associated Press (AP). Beide verfolgen ein großes Ziel: Sie wollen den Marktführer Deutsche Presse-Agentur (dpa) „verzichtbar“ machen. Das Problem: Die Investoren agieren so ruppig, dass sie auf Missfallen stoßen. Jüngstes Beispiel ist der Axel-Springer-Konzern. Der Verlag kündigte alle ddp-Abonnements zum September dieses Jahres. Zwar ist offiziell von Qualitätsproblemen mit ddp die Rede. Hinter vorgehaltener Hand nennen Vertraute des Verlagschefs Döpfner einen anderen Grund: Döpfner sei hochgradig über das Agieren der ddp-Eigner verärgert, die Kündigung folglich ein politisches Signal.

Zuvor war ein Brief Vorderwülbeckes an Döpfner öffentlich geworden, in dem es um eine Vertragsverlängerung mit der deutschen AP ging, die nun Deutscher Auslandsdepeschendienst (DAPD) heißt. „Mein Mitgesellschafter Dr. Dr. Peter Löw hat mich auf die schlechten Erfahrungen hingewiesen, die er im Zusammenhang mit der Weltkunst-Verlagsgruppe mit Ihrem Verlag gemacht hat und zur äußersten Vorsicht aufgefordert“, hieß es da. Im Verlag heißt es, man ließe sich nicht in der Art und Weise unter Druck setzen. Döpfner entschied, seine Titel von „Bild“ bis „Welt“ müssen auf ddp-Meldungen und -Fotos verzichten. Auch der Vertrag mit dem DAPD, der dem Vernehmen nach vor dem ruppigen Schreiben verlängert war, stehe auf dem Prüfstand. Den Springer-Verlag zu verlieren, wäre für den angepeilten Wachstumskurs ein herber Schlag.

Den ddp-Reportern stößt dieser Vorgang sauer auf. Über ihre Chefs, die sonst mit Erfolg Modeketten wie Adler sanieren, sagen sie Sätze wie: „Die reißen ein, was Mitarbeiter in vielen Jahren unter Entbehrungen aufgebaut haben.“ Der Ruf der Agentur stehe auf dem Spiel. Ins Bild passt, dass die neuen Eigner selbst Meldungen für den Ticker liefern, etwa vor einem Jahr, am 13. Februar, mit dem Titel „Metro verkauft unterfränkische Modekette Adler“. Dass ddp-Chef Joachim Widmann Haltung bewies und mit einem Hinweis für Transparenz sorgte, nachdem Adler und der ddp über Umwege verbandelt gewesen seien, sorgte für Unmut bei den Gesellschaftern.

Vorderwülbecke und Löw wollen in wenigen Tagen ein Konzept vorstellen, mit dem ihre bisher unabhängig voneinander arbeitenden Dienste aufeinander abgestimmt werden. Beim ddp dürfte vieles beim Alten bleiben. Er soll die Basisversorgung aus der Republik sichern – und betreibt dafür 22 Büros, in denen 140 Journalisten arbeiten. Neues kommt auf ehemalige AP-Redakteure zu. Die werden in zwei neue Gesellschaften aufgeteilt: „ddp International“ soll Nachrichten aus dem Ausland bieten. Dafür haben Vorderwülbecke und Löw für 15 Jahre das Recht gesichert, die fremdsprachigen Meldungen von AP für den deutschsprachigen Markt auszuwerten, für die weltweit etwa 3 000 Reporter arbeiten. Die andere in Gründung befindliche GmbH „ddp Korrespondenz und Recherche“ soll Analysen und Investigatives liefern – und so das journalistische Grundrauschen beider Dienste ergänzen.

Dieser Plan dürfte bei Lokalblättern auf Interesse stoßen, die außerhalb ihres Kerngebietes dünn besetzt sind. Vorderwülbecke und Löw laufen allerdings die fähigsten Mitarbeiter davon: Die stellvertretenden DAPD-Chefredakteure Peter Zschunke und Froben Homburger, Wirtschaftschefin Antje Homburger und Vize Friederike Marx wechseln zur dpa. Die, die noch da sind, berichten, ein Viertel der Arbeitszeit gehe dafür drauf, über die Zukunft zu sprechen. Indes holt der Marktführer zum Gegenschlag aus. Im Juli zieht dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner seine auf die Standorte Hamburg, Frankfurt und Berlin verteilten Redaktionen in der Hauptstadt zusammen. Auf 4 000 Quadratmetern sollen lange Dienstwege getilgt werden. Hinzu kommt ein Ressort „Netzwelt“. Eine Task-Force soll 450 Redakteure koordinieren, die auf 50 Büros in Deutschland und 32 im Ausland verteilt sind.

Büchner lässt außerdem eine Plattform entwickeln, auf der Kunden in einem passwortgeschützten Bereich alle Meldungen kommentieren können. Auf die Agenturjournalisten kommt ein Kulturwandel zu: Fehler, Ungenauigkeiten, offene Fragen und sprachlich schlampig Notiertes werden sofort angeprangert. Was für Alteingesessene lästig sein dürfte, soll die Qualität des dpa-Angebots radikal verbessern, die unter Beschuss geraten ist: Mal fiel die dpa auf das dreiste Guerillamarketing eines Kinofilmes herein und meldete einen Terroranschlag, den es nie gab. Dann entlarvte sie eine gefälschte Mitteilung nicht und berichtete vom Verzicht eines Parteivorsitzenden auf dessen weitere Kandidatur. Und am Wochenende musste sie sich von einem langjährigen, freien Mitarbeiter trennen, nachdem der mehrere Zitate einfach erfand.

Die dpa steht jedoch nicht allein unter dem Beschuss der neuen Allianz aus ddp und DAPD. Vorderwülbecke und Löw haben auch den deutschen Dienst der Agence-France-Presse (AFP) ins Visier genommen. Am Montag wollen sie sich bei der EU-Kommission beschweren. In einem 20-seitigen Brief werfen sie dem französischen Staat vor, die AFP „systematisch“ mit „großen Subventionen“ zu unterstützen, die „als Gebühr getarnt“ seien. Tatsächlich beziehen französische Stellen für mehr als 100 Millionen Euro pro Jahr Meldungen und Fotos der AFP und damit für mehr Geld, als selbst der Marktführer dpa hierzulande umsetzt. AFP-Deutschland beteuert, die Nutzung der französischen, englischen oder spanischen Texte des AFP-Mutterhauses würden durch die deutsche GmbH adäquat honoriert. Sie führe sogar Gewinne nach Paris ab. Wie viel genau? Geheim!

Ferner liefere der Mutterkonzern französischen Stellen Meldungen aus vielen Winkeln der Welt. Staatliche Abos, die es in Deutschland auch gebe, seien nicht vergleichbar. Gut möglich, dass die ddp-Eigentümer gegen die AFP nicht nur vorgehen, weil AFP im Geschäft um Auslandsmeldungen auf dem deutschen Markt mit der neuen Allianz konkurriert. Die Herren sind möglicherweise auch an einem Filetstück des AFP-Dienstes interessiert: dem Sport-Informations-Dienst (sid). Die Agentur-Allianz um Vorderwülbecke und Löw kann erst ernsthaft versuchen, dpa und andere verzichtbar zu machen, wenn sie potenziellen Kunden auch Sportmeldungen bietet.

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