Medien : Haut sie den Koch in die Pfanne?

Katharina Thalbach ermittelt in der Haute Cuisine – eine Rolle wie ein Geschenk zum 50. Geburtstag

Hanna Pilarczyk

Am Anfang ist nur ihre Stimme da. Laut, durchdringend, etwas nervig. „Kriminalpolizei. Mein Name ist Wartenberg.“ Eine lange Kamerafahrt, dann kommt die ganze Person ins Bild: Katharina Thalbach alias Kommissarin Beate Wartenberg. Sie muss den Tod einer Restaurantbesitzerin in Berlin aufklären und wird dabei laut, durchdringend und etwas ruppig sein – aber überaus erfolgreich.

„Sie ist ein Rauhaardackel“, beschreibt Katharina Thalbach ihre Rolle in dem heutigen ZDF-Film „Die Quittung“. Wie ein hyperaktives Hundchen wuselt sie den Verdächtigen so lange zwischen den Beinen herum, bis sie ins Stolpern geraten. „Ich habe die Rolle der Wartenberg gelesen und sofort an Katharina gedacht“, sagt Regisseur Niki Stein. Sie bringt die entscheidende Prise Komik in den ansonsten düsteren Krimi.

Von außen ist das „Metropol“ makellos. Ein Gourmetrestaurant, das sich vom Geheimtipp zur Szenegröße entwickelt hat. Betrieben wird es von zwei befreundeten Ehepaaren, die seit zehn Jahren hart für den Erfolg arbeiten. Eigentümerin ist Beatrice (Anke Sevenich), ihr Mann Christian (Heikko Deutschmann) kümmert sich um den Weinkeller. Das Herz des „Metropol“ schlägt jedoch in der Küche: Hier steht Koch Olaf (Jan-Gregor Kremp) und zaubert französisch angehauchte Köstlichkeiten. Ehefrau Marina (Paula Paul) serviert sie den begeisterten Gästen.

Trotz des großen Erfolgs mag zum zehnten Jubiläum im „Metropol“ keine Festtagsstimmung aufkommen. Der Steuerprüfer ist im Haus, und er hat Unregelmäßigkeiten bei der Buchführung entdeckt. Hat Christian teuren Wein unterschlagen? Bevor Beatrice den Machenschaften ihres Mannes auf den Grund gehen kann, ist sie tot. Der Fall scheint eindeutig, doch Kommissarin Wartenberg diagnostiziert Selbstmord. Beatrice soll sich aus Verzweiflung über eine andere aufwühlende Entdeckung in den Tod gestürzt haben: Ihr Mann hat eine Affäre mit Kellnerin Marina.

Ungläubig schaut Koch Olaf dem Treiben seiner vermeintlichen Mitstreiter zu – bis er begreift, dass nicht nur seine Ehe, sondern auch das Restaurant auf dem Spiel steht. Er entwickelt einen perfiden Plan zur Rettung seines Lebenswerks, den er genüsslich in die Tat umsetzt. Nur Beate Wartenberg kann ihn stoppen. Doch die scheint in der Küche mehr in den Töpfen zu fahnden als beim Koch.

Mit der Kippe im Mund und dem Finger im Leberparfait spielt Katharina Thalbach ihr Debut als Kommissarin am Rande der Groteske. Die Wartenberg passt derart gut zu dieser Künstlerin, dass das ZDF bereits überlegt, mit ihr in Serie zu gehen. Wichtigste Bedingung: So gelungene Drehbücher wie Detlef Michels „Die Quittung“. „Dann machen wir das“, sagt die verantwortliche ZDF-Redakteurin Sophie Venga Fitz.

„Die Quittung“ ist auch ein kleines Geburtstagsgeschenk für die Thalbach – sie wird heute 50. Ein Fernsehfilm steht auch am Anfang ihrer Karriere: Als Vierjährige debütiert sie in dem DFF-Film „Begegnung im Dunkeln“. Bekannt und erfolgreich wird sie aber erst durch Theaterrollen als Polly in der „Dreigroschenoper“ oder als „Käthchen von Heilbronn“.

Neben der Arbeit am Theater ist Katharina Thalbach immer wieder im Fernsehen zu sehen, spielt in Erfolgsproduktionen wie „Liebesau“ und „Die Manns“ mit. Egal, was und wo sie spielt, ihren Rollen haftet stets etwas Anarchisches, die freche Göre, an. Selbst klassische Frauenfiguren wie das Käthchen werden durch ihr Spiel gebrochen. Da ist es nur konsequent, dass sie zunehmend auch Männerrollen übernimmt. 1996 ersetzt sie Harald Juhnke als „Hauptman von Köpenick“ in ihrer eigenen Inszenierung. Diesen Sommer wird sie als Shakespeares Falstaff am Schauspielhaus Bochum zu sehen sein.

In den letzten Jahren hat Katharina Thalbach zudem einen Hang zum Clownhaften entwickelt. Grenzwertig etwa ihre Grimassen in „Sonnenallee“. Ihre Begeisterung für Männer- und Narrenrollen hat aber nichts mit Mut zur Hässlichkeit zu tun. Sondern mit Humor und Selbstironie – Eigenschaften, die für Schauspielerinnen ab 50 gerade im Fernsehen eigentlich nicht vorgesehen sind. Da ist das Rollenspektrum mit gereifter Geliebter à la Hannelore Elsner und gestandener Großmutter, wie sie Christiane Hörbiger oft spielt, meist schon ausgereizt. Die Lücke, die sich dabei auftut, füllt Thalbach mit Figuren wie der Kommissarin Wartenberg.

Auch wenn sie mit ihren TV-Rollen herausragt – meist tut Katharina Thalbach es in guter Gesellschaft. In „Harte Brötchen“ (2002) hadert sie mit dem Leben und mit Uwe Ochsenknecht. Als „Gefährliche Freundin“ hat sie 1996 Corinna Harfouch an ihrer Seite. Beide Schauspielerinnen erhalten für diesen Film den Adolf Grimme Preis.

In „Die Quittung“ steht ihr mit Jan-Gregor Kremp ein kongenialer Partner gegenüber, für das Krimispiel zwischen hoher Kochkunst und niederen Bedürfnissen, zwischen falschen Alibis und echten Quittungen. Zwischen den Figuren entsteht eine eigentümliche Erotik, die im großartigen Finale aber nicht ausgespielt wird. Kremp und Thalbach baten Regisseur Stein deshalb, die Schlussszene noch mal drehen zu dürfen – diesmal nach ihren Vorstellungen. Da kam es dann zum großen Filmkuss. Im ZDF wird heute Abend aber nur gemordet und gekocht.

„Die Quittung“: 20 Uhr 15, ZDF

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