Medien : Heilige und Sünder

Dokumentation zur Geschichte der Päpste

Thomas Gehringer

Am 19. April 2005 hatte der Nischensender Phoenix seinen großen Tag: Reporter Stephan Kulle verkündete als Erster, dass Kardinal Joseph Ratzinger zum neuen Papst auserkoren worden sei. Die Tage des Trauerns um Johannes Paul II., das Warten auf seinen Nachfolger – all das bescherte Phoenix als Dauergast beim katholischen Gemeinschaftserlebnis auf dem Petersplatz höhere Einschaltquoten als üblich. Nur folgerichtig, dass der Sender „auf das große Interesse an christlichen Themen“ reagiert und die sechsteilige Reihe „Du bist der Fels“ über die Geschichte der Päpste zeigt.

Vor Benedikt XVI. haben bereits 264 Päpste die Geschicke der Römisch-Katholischen Kirche bestimmt, da bleibt theoretisch für jeden in 300 Fernsehminuten nur etwas mehr als 68 Sekunden. Aber so einfach rechneten die walisischen Autoren denn doch nicht. In der Auftaktfolge wird der Bogen von der Berufung des Apostels Petrus bis zu Papst Leo I. (440–461) gespannt. Bis dahin war die Kirche von einer kleinen, verfolgten Gemeinde zu einer wohlhabenden Institution gereift. Gedreht wurde an Originalschauplätzen, gezeigt werden Ausgrabungsstücke und Dokumente, gefragt werden Experten. Zurückhaltend war man mit nachgestellten Szenen. Von einer Schauspieler-Armada aus Papst-Figuren bleibt das Publikum zum Glück verschont. Nur Petrus und sein Bruder Andreas fischen gerade auf dem See Genezareth, als ihnen der Prediger Jesus von Nazareth tief in die Augen schaut. So wird man im Fernsehen zum Felsen, auf dem Gottes Sohn die Kirche errichtet.

Die Dokumentation bietet einen historischen Überblick – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mit dem Papsttum ziehen 2000 Jahre Menschheitsgeschichte vorbei. Der Aufschwung durch Karl den Großen im zweiten Teil, die Kreuzzüge im dritten, die Reformation im vierten, die Zeit der Aufklärung im fünften: Der Kampf um Macht und Einfluss sowie die fortwährende Zerreißprobe zwischen theologischem Denken und den modernen Entwicklungen bilden den roten Faden. Dass es die Nachfolger Petri dabei zuweilen ziemlich unchristlich trieben, dass in ihrem Namen geraubt, gemordet, erobert wurde, wird nicht verschwiegen. Einige Päpste haben sich dergestalt benommen, dass Kirchengeschichte wie ein Krimi erzählt werden kann. Absolut fernsehtauglich also.

Aber bei der schwierigen Übung, während dieser spannenden Zeitreise theologische Debatten abzubilden, ohne das Publikum zu überfordern, mussten die Autoren zwangsläufig scheitern. Es wird zu viel geredet, zu wenig gesagt: Der Kommentar aus dem Off versiegt selten, die Erläuterungen bleiben oft vage, meistens mangelt es an passenden Bildern. Das gilt auch für den letzten Teil, der in diesem Jahr aktualisiert wurde, mit dem ersten Slawen auf dem Heiligen Stuhl: Das Pontifikat von Johannes Paul II. (1978–2005) war das zweitlängste in der Geschichte der Päpste. Ihm gönnen die Autoren eine gründliche Betrachtung, was doch noch für einen gelungenen Abschluss der Reihe sorgt.

„Du bist der Fels“, Phoenix, 22 Uhr 15

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