Medien : Heizen mit Heiner

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Tom Peuckert verrät, was

Sie nicht verpassen sollten

Es gibt Orte in Deutschland, die wollen wir nicht unbedingt kennen lernen. Wenn aber jemand vom Radio hinfährt, sind wir schon neugierig. Helmut Kopetzky hat sich die mitteldeutsche Neubaumetropole Halle/Neustadt angesehen. Eine geschlossene Welt aus Plattenbauten, seit den frühen 60er Jahren für die Arbeiter der Chemieindustrie errichtet. Arbeiterschließfächer, wie der Volksmund dichtete. Fickzellen mit Fernheizung, so Heiner Müllers unsterbliches Bonmot.

Wobei Müllers schöne Metapher damals eigentlich nur von ästhetisch sensiblen Intellektuellen als Kritik empfunden wurde. Was war gegen ferngewärmte Schäferstündchen zu sagen, wenn man anderswo einen stinkenden Kohleofen heizen musste und der Regen durchs Dach tropfte? Heute gilt Halle/Neustadt als multikulturelles Ghetto, wer es sich leisten kann, zieht weg. Kopetzky hat für sein Feature „Die halbe Welt hochkant“ ein paar Tage in einem fossilen Plattenbau vom „Typ 2“ gewohnt und mit Bewohnern aus etlichen Nationen und dem Hausbesitzer gesprochen. Natürlich ist auch diese Welt bunter, als trübe Klischees ahnen lassen (Kulturradio, 15. Mai, 9 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

Feature-Autor Andreas F. Müller war im Jugendknast. Vor seinem Mikrofon reden tätowierte Mörder, keine 20 Jahre alt. Jugendliche Unschuld ist hier eher eine Behauptung der Täter, die sich nicht mit Gewissensproblemen belasten wollen. Echte Reue plagt meist reifere Menschen. Wenn das Kind aber vorher in den Brunnen fällt, sieht es finster aus. Müllers Feature bietet harten Stoff, auch wenn Gefängnispädagogen schon berufsbedingt die Hoffnung nicht aufgeben wollen (Kulturradio, 12. Mai, 22 Uhr 05).

Manchmal sind es kleine Geschichten, die viel über den Geist unserer Kultur erzählen. Über jenes Gestell aus Wissenschaft und Technologie, in dem laut Heidegger die Bewohner der Moderne besinnungslos zappeln. In Klaus Ruges kurzem Feature „Mit GPS und Thermologger" geht es um Hightech-Apparaturen, die heute in der Vogelforschung benutzt werden: Kameras an Storchenbeinen, Satelliten zur lückenlosen Überwachung von Vogelschwärmen, Wärmefühler, die die Tiere mit der Nahrung verschlucken. Eine Welt hellster, maschinengestützter Aufklärung.

So hell, dass man sich manchmal die Augen reiben möchte (SWR 2, 10. Mai, 8 Uhr 30, Kabel UKW 107,85 MHz).

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