Medien : Heldensuche oder Krisenreport?

Die schwierige Arbeit der Journalisten in einer dopingverseuchten Sportart. Eine Selbstreflexion

Sebastian Moll

Im Grunde war die Art und Weise, wie die vergangene Tour de France begann, eine riesige Chance. Der Rauswurf der Favoriten am Vortag des Prologs verdrängte das so genannte „Sportliche“ – Favoritendiskussionen, Porträts der voraussichtlichen Stars, Vorschauen auf die zu erwartenden Heldenschlachten – waren am ersten Wochenende der Tour hinfällig. Es gab nur ein Thema: Die wieder einmal offenkundig gewordene fundamentale Dopingverseuchtheit des Radsports. Die in Frankreich versammelte Radsportwelt, von den Fachjournalisten bis hin zu den Managern und Sponsoren, war eigentlich zu einer gründlichen Selbsthinterfragung gezwungen.

Die fand auch statt, zumindest in Ansätzen, in den ersten Tagen. Und dennoch durchläuft der Sport, und alle die damit zu tun haben, gerade einmal dreieinhalb Wochen später wieder exakt dasselbe wie zu Beginn der Tour. Man hat einen neuen Helden geschaffen und gefeiert, so wie vor ihm die alten Helden Basso und Ullrich und viele vor ihnen. Und man ist erneut enttäuscht, dass auch er sich als mutmaßlicher Betrüger entpuppt, deprimiert, dass es anscheinend keine sauberen Helden im Radsport geben kann.

Die initiale Selbstreflexion des Geschäfts zu Beginn der Tour hatte also zu kurz gegriffen. Musste ja auch, denn da war ja das Rennen, das am nächsten Tag losging. So wie die Fahrer die Dopinggeschichten verdrängen mussten und sich darauf konzentrieren, in die Pedale zu treten, mussten dies auch die anderen Beteiligten. Die Journalisten etwa. Die große Frage im Pressetross in der ersten Woche war, wie lange man die Dopinggeschichten noch „weiterdrehen“ solle und wann man wieder mit der Sportberichterstattung anfangen soll. Die französischen Medien waren da recht eindeutig. Für „L’Equipe“, die halboffizielle Tour-Zeitung, war das Dopingthema nach dem ersten Wochenende erledigt. Die Tour-Direktoren schrieben selbstbeglückwünschende Editorials, wie gut man die Situation gehandhabt habe.

Ein belgischer Kollege erzählte, dass sich die Öffentlichkeit in Belgien überhaupt nicht für das Dopingthema interessiere. In den USA schien das Wichtigste am Ausschluss der vermeintlichen Favoriten zu sein, dass er den amerikanischen Fahrern bessere Chancen bescherte. Alleine in den deutschen Medien schien es, als überschattete das Dopingthema den Sport bis beinahe zum Ende der Tour.

Dennoch drängte sich neben den neuen Enthüllungen über Bösewichte und Finsterlinge, neben Interviews und Analysen über das Ausmaß des „Problems“ im Radsport zunehmend wieder die vermeintliche „Berichterstatter- Pflicht“ in den Alltag. Als die Tour in den Alpen in ihre entscheidende Phase ging, wurde großflächig über Taktiken, grandiose Siege und überwundene Tiefpunkte geredet.

Das alles ist im Lichte des Verdachts gegen den Tour-Sieger rückblickend peinlich. Nach dem Fall Landis ist klar – es gibt keinen „reinen, guten“ Radsport, über den es in den Medien zu berichten gilt, nachdem man die Bösewichter geoutet hat. Radsport ist Doping, die beiden Dinge sind unentwirrbar. Das vermeintlich moralisch Wertvolle am Radsport jenseits der Show vom niederträchtigen Betrug abzusondern, ist unsinnig geworden. Welche Konsequenz man daraus zieht, ist Geschmackssache. Wer zur Bewunderung einer Leistung nicht das Wissen braucht, dass diese mit einem Organismus erbracht wurde, der in etwa dem eigenen ähnelt, kann das Thema einfach ignorieren und weiterjubeln. Alle anderen sollten sich wohl lieber anderen Dingen zuwenden.

Der Autor berichtete für den

Tagesspiegel von der Tour de France

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