Medien : Hello oder Hallo?

Streit um Quoten für deutsche Musik in Radio und Fernsehen

Joachim Huber/Matthias Lohre

Christina Weiss ist gegen eine Quotenregelung für einheimische Musik im deutschen Radio. Die Kulturstaatsministerin sprach in einem Interview von „einem regulativen Eingriff in die Programmfreiheit“, der „sorgfältig bedacht werden“ müsse. Stattdessen wünscht sie sich einen „angemessenen Platz“ für Nachwuchskünstler. Damit stellt sich Weiss gegen Wolfgang Thierse. Der Bundestagspräsident hat am Freitag seine Forderung erneuert, in deutschen Sendern mehr deutsche und europäische Musik zu spielen. Europäische Musik müsse eine größere Chance bekommen, sich gegen die Überlegenheit aus den USA zu behaupten, sagte Thierse im Radio Multikulti.

Staatsministerin Weiss scheint mit ihren Äußerungen so manchem Senderchef aus dem Herzen zu sprechen. Konrad Kuhnt, Chefredakteur von Radio Fritz in Potsdam, findet es nicht erstaunlich, dass ausgerechnet jetzt der Ruf nach einer Quote lauter wird: „Wir haben zehn Jahre mangelnder Förderung seitens der Musikindustrie hinter uns. Heute stehen wir vor dem Problem, dass wir keinen soliden Mittelbau guter Bands haben.“ Statt einer juristisch äußerst fragwürdigen Gesetzesregelung müsse es eine bessere Förderung von Nachwuchskünstlern geben. „Wir haben die Pflicht, Programm für die Hörer zu machen“, sagt Florian Barckhausen, Programmchef des RBB-Berlin-Radios 88acht. Deshalb sei es für ihn nicht Sache der Sender, den Menschen vorzuschreiben, was sie hören. Er ist strikt gegen eine Quote: „Unsere Redakteure wählen gute deutschsprachige Musik aus. Aber wenn bestimmte Produkte nicht verkäuflich sind, werden wir sie nicht spielen.“

Verena Adami, Sprecherin des Musikfernsehens MTV Deutschland, nennt die Diskussion „künstlich“. Nach dem Gesetz des Marktes spiele „MTV 20 Prozent deutsche Künstler, MTV Pop sogar 30 Prozent“. Die zu Grunde liegende Definition ist dehnbar. Wenn Sarah Connor aus Delmenhorst singt, dann singt sie englisch, wird bei MTV aber deutsch gelistet. Adami hält von der ganzen „Sortiererei“ sehr wenig: „Geschmack lässt sich nicht quotieren.“

Der ewige MTV-Konkurrent im deutschen Musikfernsehen, die Viva Media AG, strahlt noch mehr Deutschsprachiges in seinen beiden Programmen aus. „Wobei deutschsprachig bedeutet, dass das Stück, der Clip in Deutschland produziert worden sind“, sagt Vorstandsvorsitzender Dieter Gorny. Musik-Produktionen aus Deutschland hätten mittlerweile einen Anteil von 40 Prozent am Markt. „Das bildet sich in den Viva-Programmen ab. Und weil das die Radio-Leute immer so schrecklich fürchten: Abgeschaltet hat deswegen doch noch keiner.“

Wenn schon eine neue Diskussion um eine Quote, dann „unideologisch, geschmacksneutral und nach wirtschaftlichen Kriterien“, sagt Gorny. Das führe auch „weg von der Nationalismus-Falle“. Gorny plädiert weniger für Quotenvorgaben als für geeignete Bedingungen, unter denen der Anteil im Radio für den in Deutschland produzierten Pop steige..

Mit Skepsis betrachtet der Viva-Chef den Pop-Beauftragten der SPD, Sigmar Gabriel. „Ein lustiger Gag, aber kein Einstieg in eine ernsthafte Diskussion.“ Die Funktion von Gabriel und das, was der SPD-Politiker bislang geäußert habe, würden „das Thema und seine Bedeutung verniedlichen“, sagt Gorny.

88acht-Chef Florian Barckhausen sieht der Arbeit des Pop-Beauftragten aus der Heimatstadt der „Scorpions“ gelassen entgegen: „Solange Gabriel nicht selber singt …“

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