Helm-TV : Fit für Vancouver

Das Fernsehen hat sich für die Olympischen Winterspiele warm gesprungen. Beim Skicross sollen sogar Kameras in die Helme aller Fahrer.

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Hoch hinaus will das Fernsehen mit neuen Übertragungsmöglichkeiten. Die Quoten bei der Vierschanzentournee waren trotz schwächerer...Foto: pixathlon

Die Zukunft des Wintersports im Fernsehen war am Montag in der Volksschule Oberndorf bei St. Johann in Tirol zu sehen. Dort hielt Brian Douglas eine 55 Gramm leichte Kamera und einen 220 Gramm leichten Batterie-Gürtel mit Transmitter in der Hand und sagte: „In Vancouver werden wir Skicross auf die Sportlandkarte bringen.“ Der Produktionschef des Olympischen Rundfunk Service will im Februar bei den Winterspielen in der neuen olympischen Sportart Skicross jeden der jeweils vier gegeneinander kämpfenden Rennläufer mit einer Helmkamera ausrüsten – und die Bilder von der Strecke live in die Wohnzimmer schicken. „Der Zuschauer bekommt das Gefühl: Ich bin dabei, ich fahre mit“, schwärmt der Skicross-Chef des Deutschen Skiverbandes (DSV), Helmut Herdt, „das ist die Verbindung von Live-Rennen mit der Playstation“.

Technische Neuerungen können einer Sportart helfen, sie fürs Publikum attraktiver zu machen und „die gestiegenen Ansprüche der Zuschauer zu befriedigen“, sagt Axel Balkausky, Sportkoordinator bei der ARD. Ohne Fernsehen hat es der Sport schwer, sich zu finanzieren. Das hat der österreichische Skiverbandschef Peter Schröcksnadel in diesen Wochen wieder beim Verkauf der Vermarktungsrechte der Vierschanzentournee an die Sportrechte-Agentur Infront Austria festgestellt. „Die Agenturen, die die Werberechte verkaufen, gehen nach den Fernsehquoten“, sagt Schröcksnadel. Im Falle der Vierschanzentournee hat es ihm dabei kaum geholfen, dass die Quoten in Österreich wegen der Erfolge der heimischen Springer außerordentlich gut sind. So sahen am Mittwoch 1,5 von 8,3 Millionen Österreicher Andreas Koflers Sieg bei der Vierschanzentournee. Entscheidender sind die Quoten im Land mit der größeren Wirtschaftskraft: Deutschland. „Die Quoten sind geringer, wenn die deutschen Athleten nicht vorne dabei sind“, sagt Schröcksnadel, „und dann hast du weniger Erlöse.“

Anfang des Jahrtausends hatte der Privatsender RTL das Skispringen in Verbindung mit Sven Hannawalds Erfolgen zu neuen Quotenhöhen geführt. Zugleich führte der Sender technische Neuerungen in die Wintersportübertragungen ein: Seilkameras, die das Geschehen von oben filmen, Kameras, die neben dem Springer die Schanze hinunterrauschen, Moderatoren, die über die Schanze klettern. Einige dieser Neuerungen waren auch in den vergangenen zehn Tagen bei den Übertragungen der ARD und des ZDF von der Vierschanzentournee zu sehen. Durchschnittlich kamen die vier Springen der Vierschanzentournee auf fünf Millionen Zuschauer und 25 Prozent Marktanteil. „Das ist ein hervorragendes Ergebnis“, sagt ARD-Sportkoordinator Balkausky. „Natürlich hätten wir am liebsten bis zu 30 Prozent Marktanteil gehabt, aber die Leistungen der deutschen Springer haben dafür nicht gereicht.“

Am Mittwoch wollten immerhin noch 4,75 Millionen die Live-Übertragung des Finaldurchgangs sehen. Der Marktanteil betrug 23,7 Prozent. Damit hat das Skispringen nach Marktanteilen fast mit der Boomsportart Biathlon gleichgezogen, die am Mittwoch auf 25,9 Prozent kam. 4,23 Millionen hatten den zweiten Platz der deutschen Frauenstaffel in Oberhof mitverfolgt. „Skispringen ist nach Biathlon die Wintersportart Nummer zwei“, sagt Balkausky. Kein Vergleich natürlich mit dem Jahr 2002, als Sven Hannawalds letzter Sprung zum Sieg bei der Vierschanzentournee 13,39 Millionen Menschen vor den Fernseher gezogen hat. Manche Fußball-Länderspiele der deutschen Mannschaft haben weniger Zuschauer. Doch auch die aktuellen Zahlen stellen Balkausky zufrieden, er würde gerne den aktuellen TV-Vertrag mit dem Deutschen Skiverband verlängern: „Wintersport ist für uns ein hochattraktives Feld.“

So weit ist Skicross noch nicht, die Sportart muss erst ins Fernsehen kommen. Die Helmkameras sollen der jungen Sportart dabei helfen. „Wenn das bei den Olympischen Spielen umgesetzt wird, werden alle sagen, das ist die telegenste Sportart, die wir haben“, sagt DSV-Skicross-Chef Herdt. „Wenn ich etwas affin für das Skifahren bin, dann gehe ich mit, wenn der Fahrer springt, und dann lege ich mich mit dem Fahrer in die Kurve.“ Herdt glaubt, dass Skicross damit einen Trend setzen kann. „Wenn das bei uns funktioniert, springen die anderen Disziplinen sofort drauf.“ Axel Balkausky bestätigt das: „Die subjektive Perspektive, die man schon aus dem Motorsport kennt, ist einen Schritt weiter.“ Möglich also, dass schon bei der nächsten Vierschanzentournee Skispringer mit Helmkameras von der Schanze rutschen.

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