Help-TV : Die Super-Sanierer

„Einsatz in vier Wänden“, „Der Hotelinspektor“ und „Raus aus den Schulden“ – warum Coaching-Formate Tag für Tag Millionen Zuschauer fesseln.

Caroline Fetscher
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Packt Probleme an: Sat-1-Psychologin Angelika Kallwass.Foto: Sat1

Das Domizil der Familie Richter, ein Riesenkasten gefüllt mit Müll, besiedelt von Spinnen und Ratten und schreit förmlich nach „Tine“. Tine kommt, sieht, stöhnt, „ringt um Fassung“, schimpft. Und packt an. „Kurzer Prozess für das Horrorhaus“, kommentierte der private Fernsehsender RTL die beiden Folgen der Coaching-Show „Einsatz in vier Wänden“. Tine Wittler kommt nicht allein, sondern mit einem Kamerateam – und einem Tross von Putzkräften, Kammerjägern, Abfallbeseitigern, Dachdeckern, Klempnern, Maurern, Elektrikern, Innenarchitekten. Eine ganze Legion schreitet zur Attacke: die Totalsanierung als Spektakel für Millionen. Erst am Montagabend erreichte die Sendung einen neuen Rekord mit 6,6 Millionen Zuschauern.

Während das Haus in der Ex-DDR komplett umgekrempelt wird, werden Mutter Annerose, der Teenager Lisa und der vollbärtige, wortkarge Onkel Helfried erst einmal ausquartiert. Verdrossen stemmt sich der Onkel – Sammler von Wildgeweihen, Vogelnestern und Tierschädeln – gegen Tines Aufräumorgie. Wie in anderen Folgen auch, begegnen die überwältigten Bewohner bald einem wahren Traumhaus. Neuer Grundriss, frische Farben, Fußbodenheizung, Komfortbad, Solarpaneele auf dem Dach – nichts fehlt! Staunend stammelte neulich ein Hartz-IV-Vater namens Helmut: „Womit habe ich das verdient?!“ Er bemüht sich schließlich erfolgreich um eine Stelle im Metallbau, Mutter und Tochter erhalten ein Beauty-Styling. Strahlend sieht die sanierte Familie in die Kamera. So kann es gehen, sagen die Bilder. Aus jedem kann was werden! Ein inneres oder äußeres „Horror-Haus“ kann sich wandeln.

Anpacken, Renovieren, Umdenken, Probleme lösen: Konkrete, reformerische Ziele bestimmen den Charakter der Coaching-Shows, die Therapie-TV für den Alltag sein wollen. Rascher und kompromissloser als die öffentlich-rechtlichen Sender haben Kommerzkanäle erfasst, dass bürgernahe Formate mit einer großen Portion Partizipation dem Bedürfnis nicht nur der bildungsfernen Zeitgenossen entsprechen, während in ARD oder ZDF als Pendant gerade mal die „Betroffenencouch“ eingeführt wurde, auf der Opfer (von Krankenkassen, Betrügern, Arbeitslosigkeit usw.) den Experten als Beispiele vorgeführt werden. Hier sind sie Statisten, bei den Privatsendern Akteure. Ob dort allerdings ihre Persönlichkeitsrechte immer gewahrt bleiben, ob sich die Beteiligten der Dimension ihrer öffentlichen Auftritte bewusst sind – das ist der problematische Anteil dieser „Home-Stories“ von Nicht-Prominenten.

In „Zwei bei Kallwass“ auf Sat 1 assistiert die diplomierte Psychologin und Unternehmensberaterin Angelika Kallwass im Studio, das zur Praxis mutiert, mit ihren häufig sehr empathischen Interventionen vor laufender Kamera zerstrittenen Paaren, konfliktbelasteten Eltern und Kindern. Liebesprobleme, Leistungsdruck, Essstörungen, minderjährige Schwangerschaften, Versagensängste, alles darf in diesem Setting auftauchen, und der Rat am Schluss lautet mitunter: „Machen Sie eine richtige Therapie.“ Rundumsanierung oder Blitzheilung kann es hier nicht geben, aber Anschub zur Besserung – und das Publikum kann je nach eigener Lage die Ratschläge nutzen.

Reines Jammern oder Klagen, fromme oder rohe Plaudereien mit Fernsehlaien, wie sie klassische Talk-Formate (früher Jürgen Fliege, später Oliver Geissen) boten, scheinen vorüber. Wie am Buchmarkt schon seit längerem hat das „How-to“ Konjunktur.

Jetzt wird in die Hände gespuckt - wir ändern das Sozialkonstrukt! Und das ist erstaunlich gut so.

Rasant bewegt sich das „Unterschichtfernsehen“ fort vom unterhaltsamen Vorführen. Analog zu zahlreichen gesellschaftlichen Entwicklungen stehen Prozesse und Lernerlebnisse im Vordergrund, Konzepte von Individuum und Gruppe sind beweglicher geworden - jeder gilt als potentiell therapierbar, der Drang nach kollektiver, emotionaler Fortbildung ist spürbar. Während zum Beispiel Jugendämter früher der Devise „Raus aus der Familie, rein ins Heim“ folgten, senden sie zunehmend Helfer rein in die Familie: Ist da denn nicht auch Potential? Geachtet wird zunehmend auf Ressourcen statt nur auf Defizite. So hält es auch RTLs begabte „Super-Nanny“ Katharina Saalfrank. Bei ihrer Krisenintervention im Kinderzimmer brachte sie vorige Woche der alleinerziehenden Mutter Marianne bei, dass Kleidung gewaschen, Speisen frisch sein sollten, und dass sie ihre vier Kinder zwischen einem und zehn Jahren nicht mehr „hauen, prügeln, treten“ sollte. Die Mutter rechtfertigt sich durch Stress: „Dann ist plötzlich Feierabend, dann geh ich drauflos.“ Erlösend wirkt die Szene, in der sich die Mutter, auf den Rat der Nanny, tatsächlich bei dem von Tränen überströmten Kind entschuldigt.

„Raus aus den Schulden“ verspricht Peter Zwegat. Anders als die Nanny oder Tine siezt er seine Klienten. Fünf Millionen RTL-Zuschauer begleiten den niemals herablassenden Experten bei Konto- und Gewissensprüfungen. Sie blicken in die zerknirschten Gesichter der Ratsuchenden, die sich durch ihr Verdrängen und Verschlampen ins finanzielle Schlammassel manövriert haben, und denen Zwegat auf dem Flipboard mit rotem Filzstift ihre Außenstände vorrechnet. Dann eilt der Mann zu den Gläubigern, verhandelt mit Banken und Verwandten der Schuldner, ermutigt verkrachte Paare und berät auch mal bei Fragen ums Besuchsrecht für Scheidungskinder. So beliebt ist Zwegat inzwischen, dass sich ihn manche an der Seite des Finanzministers wünschen.

Kampf dem ranzigen Bratfett, dem spießigen Wandschmuck: Das ist in etwa die Devise von „Rach der Restauranttester“. Seine Direktintervention setzt bei Kellner, Koch und Gastwirt an. Rach begutachtet Herd und Töpfe, berät und lässt umbauen. Gruppentherapeutisch bezieht er das gesamte gastronomische Team ein. Er tröstet, scherzt, umarmt, verrät Rezepte. Neue Rach-Folgen entstehen derzeit während einer Sendepause. Unterdessen hält ein Neuer die Stellung: „Der Hotelinspektor“.

Liebe, Familie, Wohnen, Wirtschaften: Nichts ist mehr selbstverständlich in der Gesellschaft im Umbruch und guter Rat begehrte Ware. Der Vater als Patriarch, die Mutter am Herd, die Kinder gehorsam, bei Widerstand Gewalt, was Jahrhunderte Bestand hatte, ist außer Kraft gesetzt. Neue Formen des Zusammenlebens erfordern auch emotionale Weiterbildung. Und wo der Staat sie nicht leisten kann, entstehen instinktiv solche „Sendungen“ - Sendung heißt auch Botschaft. Das Symptom der Gesellschaft, das sich darin offenbart, ist deren Sehnsucht nach solchen Botschaften. Sie sucht nach Leitung, Lenkung, Orientierung auf der einen Seite, und parallel nach Partizipation und Mitmachen. Erleichtert erkennt sie sich wieder in den Schuldnern, Versagern, Messies, Rabenmüttern, denen geholfen werden kann, oder freut sich über die Differenz. Völlig verfehlt wäre es, die Coaching-Formate pauschal zu verurteilen. Eine Gesellschaft, die sich eine Super-Nanny erfindet, beginnt immerhin damit, ihren sozialen, ästhetischen und emotionalen Lernhunger zu erkennen.

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