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Henry Hübchen : "Komik ist männlich"

11.12.2010 19:10 Uhr
„Verzweiflungs-Slapstickkünstler“ Ein Prädikat, wie Henry Hübchen es mag.Bild vergrößern
„Verzweiflungs-Slapstickkünstler“ Ein Prädikat, wie Henry Hübchen es mag. - Foto: Sören Stache/dpa

Aber Erich Honecker war nicht lustig. Ein Interview mit Henry Hübchen über Humoristen, Tragöden und große Künstler.

Henry Hübchen,Komik,Erich HoneckerHerr Hübchen, ...

Machen Sie schnell! Meine Zeit ist bemessen. Ich bin ein großer Künstler!

Herr Hübchen, ...

Ich korrigiere sowieso alles nach. Eine Heidenarbeit, kann ich Ihnen sagen. Aber man will ja nicht wie der letzte Depp dastehen.

Herr Hübchen, wenn Sie alles unter Kontrolle haben wollen, warum stellen Sie sich die Fragen dann nicht gleich selbst und beantworten Sie auch selbst? Wäre das nicht für alle Beteiligten das Beste?

Damit Sie gar nichts mehr zu tun haben? Für die Fragen sind Sie doch verantwortlich, dafür werden Sie doch bezahlt.

Ich mache das hier ehrenamtlich.

Herr Hübchen, finden Sie Politiker komisch?

Schön, dass Sie mich nicht nach meinem Lieblingspolitiker gefragt haben, oder wen ich am komischsten finde. Ich hasse diese Hitlisten-Fragen. Dazu fällt mir gar nichts ein. Aber auch die Pauschalisierung ist unzulässig. Ich finde einige Politiker bisweilen ärgerlich. Besonders in Talkshows. Und wenn man etwas ärgerlich findet, dann kann man darüber nicht lachen.

Wie war das mit Honecker und Co.?

Honecker war, selbst in seiner Hilflosigkeit, nicht komisch. Ich konnte nie über ihn lachen. Auch über Breschnew nicht. Hinter beiden standen viel Macht und Leid. Da vergeht mir jedes Lachen. Die großen Diktatoren, und auch die kleinen, sind nicht zum Lachen (steht auf)

Herr Hübchen, wollen Sie abhauen?

Ich wollte mir nur einen Zettel holen. Ich habe mir nämlich etwas aufgeschrieben. Und das geht so: Der Komiker scheitert, aber er geht nicht unter. Der Tragiker dagegen geht mit seinem Scheitern unter.

Und deshalb ist an einem Mann wie Adolf Hitler nichts Komisches?

Hitler ist kein Tragöde. Hitler ist ein Verbrecher, ein Monstrum. Deshalb kann man ihn nur mit einem gehörigen Abstand zur komischen Figur machen.

Interessieren Sie die großen Figuren der Weltgeschichte?

Als Schauspieler eigentlich nicht.

War 2010 ein komisches Jahr?

Ich bin kein Manöverbeobachter komischer Jahresereignisse. Aber wenn Sie wissen wollen, ob ich in diesem Jahr viel gelacht habe, dann kann ich Ihnen sagen, dass ich mich nicht ausgeschüttet habe vor Lachen, aber auch nicht viel weinen musste. Ein laues Jahr.

Nichts wirklich Komisches dabei gewesen?

Wenn ich mal von Ihnen beiden hier absehe, nein.

Sie sind für uns auch kein Komiker.

Ich bin beleidigt. Aber was dann: ein ernsthafter Künstler etwa? Was ist denn überhaupt das Gegenteil von Komiker? Tragiker?

Komik, Humor, lustig sein – was sind die Unterschiede?

Humor ist eine Eigenschaft. Komik ist eine Wirkung. Nichts gegen Lustiges. Aber Lustiges entwickelt sich nicht, bleibt an der Oberfläche, bleibt ein Spaß.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Wie finden Sie diesen Satz, der gerne und oft zitiert wird?

Humor ist eine schöne Überlebenshilfe, aber auch nicht mehr. In den Ghettos der Welt wird auch gelacht, aber irgendwann hört das Lachen auf. Komik und Tragik liegen dicht beieinander. Wenn jemand zum Beispiel auf einer Bananenschale ausrutscht, ist das komisch. Aber wenn er sich dabei den Hals bricht, dann ist das tragisch.

Woran erkennen Sie, ob etwas komisch ist?

Das erkenne ich nicht, das spüre ich im Körper. Und es ist auch eine Art des Denkens und kommt vielleicht aus meiner Lust am Widerspruch. Es ist ein Reflex, immer die Komik hinter den Dingen entdecken zu wollen. Das geht nicht ohne Fantasie. Nur komisch sein zu wollen reicht leider nicht. Wenn ich wie im Film „Alles auf Zucker!“ in einer Szene an einem offenen Grab stehe, und einen Herzanfall bekommen soll, dann muss ich natürlich ins Grab fallen. Wenn schon, denn schon. Auch die Art des Fallens ist wichtig.

Eine Berliner Zeitung hat Sie als den größten lebenden deutschen Verzweiflungs-Slapstickkünstler bezeichnet. Ein schönes Lob?

Das ging runter wie Öl. Das Dumme ist nur, dass meine besten Momente nicht dokumentiert sind. Die hatte ich auf dem Theater oder wenn der Druck der Kamera nicht da ist, in den Proben, wenn ich den Regisseur und die Mitspieler überzeugen will. Danach ist es nicht mehr jungfräulich, nur noch Wiederholung. Robert de Niro sagt, im Off, also jenseits der Kamera, sei er am besten. Das hat mich mit diesem Dilemma ausgesöhnt.

Ein tragisches Schicksal – für einen Schauspieler.

Es gibt Schlimmeres. Ich trage es mit Fassung.

Sie werden oft als grantig und schwierig beschrieben.

Ist ja interessant, was Sie so hören. Ich bin vollkommen einfach, das ist die Wahrheit. Erst wenn ich merke, dass über diese oder jene Brücke kein Gehen ist, dann werde ich schwierig. Wenn die Koordinaten nicht übereinstimmen, dann kann es keine Verständigung geben. Erst recht, wenn mir jemand dumm und unangemessen kommt. Mir geht es immer um die Sache. Die meisten Regisseure sind jedenfalls froh, dass sie mich gehabt haben. Eigentlich fast alle.

Ärgert Sie es, dass Sie als schwierig gelten?

Ein bisschen ja. Weil nicht ich schwierig bin, sondern die zu lösende Situation. Wenn Sie über einen Bach springen sollen und feststellen, dass es ohne Stab nicht zu machen ist, sie aber ohne Stab springen müssen, sie dann ins Wasser fallen und die Szene hin ist, wer ist dann schwierig?

Wen halten Sie für den größten lebenden Spaßmacher auf Erden?

Sie müssen sich von der Vorstellung lösen, es gäbe so etwas wie das Größte, Beste, Schönste. Gibt es nicht.

Was finden Sie gar nicht komisch?

Das meiste.

Finden Sie Cindy von Marzahn komisch?

Nein, weil ich Frauen nicht komisch finde, deren Hauptthema ihre fette Figur und ihr eigener Unterleib ist, mehr oder weniger. Mir ist diese Art von Humor zu trivial und zu unappetitlich. Aber sie kann über sich selbst lachen, eine Grundvoraussetzung für Humor.

Alter und Humor, wie gehört das zusammen?

Zunehmend. Ich glaube, dass ich mit dem Älterwerden auch mehr Humor bekommen habe. Als junger Mensch hatte ich jedenfalls nicht so viel. Obwohl ich die Clowns immer schon mehr geliebt habe als die großen Helden. Aber es ist auch möglich, über die Jahre seinen Humor zu verlieren und zum Menschenhasser zu werden – ich bin mir noch nicht ganz sicher, wo ich im hohen Alter landen werde.

Herr Hübchen, Humor ist eine zu ernste Sache, als dass man ihn Amateuren überlassen sollte. Oder?

Nein. Jeder hat ein Anrecht auf Humor.

Warum gibt es im deutschen Fernsehen so wenig zu lachen?

Kann ich nicht debattieren. Hab keinen Überblick.

Wo Duckmäuser regieren, hat es der Humor schwer. Ist das nicht das Problem des deutschen Fernsehens?

Sie sollen mir meinen Arbeitgeber nicht schlecht machen! Zu 1: ja. Zu 2: Duckmäuser sind nicht das Problem. Das Problem ist der erbarmungslose Kampf um das goldene Kalb, genannt Quote. Weil in diesem Kampf Mut und Originalität zu selten sind.

Wann hört bei Ihnen der Spaß auf, wann fängt bei Ihnen der Humor an?

Wenn Sie mich noch weiter in die Meckerecke schieben wollen.

Die DDR hatte ihren Humor, die BRD auch. Wo stehen wir heute, was den gesamtdeutschen Humor betrifft?

Wenn man Bier mit Wein oder Whisky mit Wodka mischt, dann endet das tödlich.

Lachen die Ossis denn anders als die Wessis?

Ossis lachen ein hilfloses Schweinegrunzen, das Westlachen ist ein feines, zivilisiertes Hihihi. Aber jetzt ernsthaft: Nein. Nächste Frage.

Wir finden an der ARD komisch, dass Ihnen nicht erlaubt wurde, gleichzeitig in zwei Serien Kommissar sein zu dürfen. Was finden Sie an der ARD komisch?

Das zum Beispiel nicht.

Was ist das Komischste, das Sie kennen?

Sie hören nicht auf mit diesen Hitlisten! Gehen Sie doch endlich zu RTL und fragen da nach.

Finden Sie Frauen komisch?

Ich kann über Frauen nur selten lachen. Ich kann nicht mal über meine eigene Frau lachen. Komik ist männlich. Warum das so ist, kann ich Ihnen im Moment nicht sagen.

Haben Frauen Humor?

Doch, doch. Ich kenne einige. Aber ich habe in meinem Leben – leider – nicht genug Frauen kennengelernt, um Ihnen diese Frage repräsentativ beantworten zu können.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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