Henryk M. Broder : "Wir waren wie Kinder"

Wie Henryk M. Broder bei den "St. Pauli Nachrichten" den Sex suchte und das Paradies fand.

Herr Broder, wer hat die „St. Pauli Nachrichten“ im Juni 1968 erfunden?

Ein Mann namens Helmut Rosenberg. Dem gehörte ein Ramschwarenladen am Hans-Albers-Platz. Irgendwann hatte er die Idee, eine Juxzeitung zu drucken. Die bestand aus einer Seite, auf der „St. Pauli Nachrichten“ stand. Der Witz war, dass sich jeder St.-Pauli-Besucher seine eigene Schlagzeile eindrucken lassen durfte. Dann kam Rosenberg auf die Idee, zusätzlich Kontaktanzeigen abzudrucken. Von da an ging’s rasant bergauf.

Können Sie sich noch an eine dieser Anzeigen erinnern?

Ja, die ging so: ju ma vita su mo u to. Soll heißen: junger Mann, vital, sucht Mutter und Tochter. Weil nach Zeile bezahlt werden musste, kürzten die Leute ab, wo es ging. Das Anzeigengeschäft schlug dermaßen ein, dass Rosenberg aus dem Blättchen eine Wochenzeitung machen konnte. Auf zwei Seiten jede Menge Lokales, dann nur noch Kontaktanzeigen. Bald lag die Auflage bei einer Million.

Nichts Nacktes?

Das kam später. Ich erinnere mich, dass der Fotograf Günter Zint, der damals auch dabei war, eine Rubrik betreute, die „Muschi der Woche“ oder „Liebling des Monats“ oder so ähnlich hieß. Da kamen Männer in die Redaktion mit ihren Frauen, die nichts anhatten als ihren Pelz oder einen Trenchcoat. Die Herren wollten unbedingt ihre Frauen fotografieren lassen. Die Rubrik war sehr beliebt.

Wie fanden Sie das alles als behütet aufgewachsener Kölscher Jung?

Herrlich. Wenn Sie wie ich aus dem muffigen Köln kamen, dann war das noch toller als Stollwerck, wo es billig Bruchschokolade gab. Das war der Eingang zum Paradies. Deshalb habe ich auch so großes Verständnis für die Selbstmordattentäter, die glauben, dass im Paradies 72 Jungfrauen auf sie warten. Ich weiß, wie es im Paradies aussieht. Vielleicht muss ich deshalb keine Bomben werfen.

Waren Sie damals schon als Sex-Experte aufgefallen oder wie kamen Sie zu den „St. Pauli Nachrichten“?

Ich hatte zwar schon ein Interview mit Leo Madsen, dem Porno-König von Dänemark, in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht und ein Buch über Pornografie geschrieben, das war’s aber auch. Ich hatte allerdings auch schon für die „Frankfurter Rundschau“ und das Gewerkschaftsblatt „Welt der Arbeit“ geschrieben – wofür ich mich in aller Form entschuldigen möchte. Die „St. Pauli Nachrichten“ waren die einzige ernst zu nehmende Alternative.

Hat Herr Rosenberg Sie angeworben?

So kann man das wohl nicht sagen. Ich hatte mich schon einige Tage unter dem Vorwand in der Redaktion aufgehalten, für den WDR eine Reportage über das Blatt machen zu wollen. Einfach so hingehen und sagen, hallo, da bin ich, kann ich mal die „Muschi der Woche“ sehen, das wäre nicht gegangen. Ich brauchte einen offiziellen Anlass, damit sich die ultimative Lasterhöhle für mich öffnen würde. Und dann fragte Rosenberg mich tatsächlich: „Willst du nicht hierbleiben, wir suchen noch Leute?“ Diesem Angebot konnte ich nicht widerstehen.

Des Sexes wegen.


Aber sicher, was denken Sie denn? Wenn es den Sex nicht gegeben hätte, hätte ich da höchstens mal eine Woche hospitiert. Alles, was in Köln unter der Decke gehalten wurde, brach damals in Hamburg jeden Tag neu aus. Allein die Nähe zur Sünde wirkte auf uns, die wir ja alle aus bürgerlichen Verhältnissen kamen, elektrisierend. Aber an Anfassen hat keiner von uns gedacht. Ich schwöre, niemals.

Wollten Sie mit Sex die Welt verändern?

Natürlich wollten wir. Das wollten damals viele. Wir dachten, wenn wir das Wort „Ficken“ nur oft genug schreiben, dann werden die gesellschaftlichen Fundamente schon einstürzen. Wir konnten ja nicht ahnen, dass Sie vierzig Jahre später Arte nicht einschalten können, ohne dieses Wort zu hören. Neulich war ich bei einer Lesung von Charlotte Roche. Langweilig, total langweilig. Nach dem zehnten Mal „Ficken“, „Fotze“ und „Blasen“ innerhalb weniger Minuten wünschen Sie sich nur noch, Mutter Beimer möge vorbeikommen, damit es vorbei ist.

Was haben Sie bei den „St. Pauli Nachrichten“ gemacht, außer Sex natürlich?

Unsere Arbeit bestand im Wesentlichen daraus, Geschichten ab- und umzuschreiben, die im Schweizer „Blick“ erschienen waren. Am liebsten Tiergeschichten, die wir ein bisschen aufhübschten. Außerdem habe ich das gemacht, was ich bis heute am liebsten mache: über mich selbst schreiben. Mein Chef war Stefan Aust, auch damals schon ein guter Blattmacher, begabt und autoritär.

Was war Ihre schönste Geschichte?

Eine Reportage mit den Titel „Komm mit meinem Pimmel in den siebten Himmel“. Heute kann ich es ja zugeben: Natürlich steckte das Blatt voller Schweinkram. Weil das so war, drohte dem Blatt einmal die Indizierung, es sollte verboten werden. Rosenberg fragte seine Anwältin, was man da machen könne. Gisela Wild sagte: „Tageszeitungen dürfen nicht indiziert werden.“ Also beschloss Rosenberg, eine Tageszeitung zu machen. Und es klappte. Er kam um die Indizierung herum. Für die Alibizeitung heuerte Rosenberg dann unter anderem Stefan Aust an. Bei dieser Tageszeitung, die in einer Auflage von 5000 oder 6000 Exemplaren erschien und nur im Kiez gelesen wurde, bin ich dann gelandet. Ich hätte natürlich viel lieber die Wochenzeitung gemacht.

War das eine richtige Tageszeitung?

Aber klar. Wir waren links und anarchisch, so etwas wie der Vorläufer der „taz“. Die Zeit bei den „St. Pauli Nachrichten“ war für mich die schönste Zeit in meiner ganzen journalistischen Laufbahn. Und dann St. Pauli! Wir genossen die Nähe des Kiezes und die Atmosphäre, wir genossen, dass wir ernst genommen wurden. Wir waren wie Kinder, die in die große Welt gestolpert waren.

Und trotzdem haben Sie das Paradies schnell wieder verlassen. Warum?

Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht wurde es mir auf die Dauer doch ein bisschen zu unseriös. Oder es war ganz einfach Reizüberflutung. Es kann aber auch sein, dass meine Eltern herausgefunden hatten, dass ich nicht Erziehungswissenschaften studierte, wie sie annahmen. Heute bedaure ich, dass ich nicht länger dabeigeblieben bin.

Der Sex beherrscht Sie heute noch?

Sex ist das menschliche Urthema. Es gibt kein anderes. Die wahre sexuelle Revolution, von der wir geträumt haben, hat doch noch gar nicht statt gefunden. Es gibt zwei Sachen, die ich wirklich gerne selbst erfunden hätte: das Rad und den Geschlechtsverkehr. Diesen beiden Erfindungen haben wir alles zu verdanken.

Wie lautet Ihre persönliche Bilanz?

Mir geht es mit dem Sex so wie anderen mit dem Sozialismus: Theoretisch habe ich alles erfasst.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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