Henryk M. Broder : Zu Hause? Memme

Henryk M. Broder ist global bekannt als Kämpfer. Ein Gespräch mit dem Börne-Preisträger 2007 über George W. Bush, Sex und den ganzen Rest.

Thomas Eckert,Joachim Huber

Herr Broder, sind Sie ein glücklicher Mensch?

Das würde ich so nicht sagen. Ich erlebe heftige Auf- und Abschwünge. Manchmal mehrmals täglich. Aber das war bei mir immer schon so.

Manisch-depressiv würden die sagen, die Sie nicht leiden können.

Mir ist egal, was die Leute sagen. Und ich kann mir den Luxus nicht erlauben, mich an meinen Gegnern zu orientieren. Ich meine nur, dass ein Mensch, der denkt, nicht glücklich sein kann. Zumindest nicht rund um die Uhr. Wenn ich einmal richtig unglücklich bin, dann denke ich daran, dass meine Eltern mit mir vor 50 Jahren Polen verlassen haben, und daran, was ich alles nicht erlebt hätte, wenn wir in Polen geblieben wären. Und schon breitet sich ein Gefühl von Glück aus.

Kann Denken wirklich nicht glücklich machen?

Mein großes Idol Hanns-Dieter Hüsch hat mal gesagt: "Denken macht Spaß, wenn man dazu kommt.“ Ich beneide Leute um nichts, weil ich kein neidischer Mensch bin. Aber wenn ich auf RTL 2 diese Menschen im Container sitzen und selbstvergessen ihre Fußnägel schneiden sehe, dann, ich gebe es zu, erlebe ich einen Anflug von Neid. Das ist Glück. Wie Gottfried Benn gesagt hat: "Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück.“

Sind wir damit bei der SPD gelandet?

Noch schlimmer, bei Oskar Lafontaine. Es gibt keinen zweiten Demagogen und Faktenverdreher, der so geschickt auftritt wie Lafontaine. An der Spitze meiner Ekel-Liste steht zurzeit allerdings ein Hinterbänkler von der PDS, jetzt Die Linke, mit dem programmatischen Namen Paech, Vorname Norman, ein pensionierter Völkerrechtler. Der Mann ist sozusagen der Judenreferent seiner Partei und nimmt diese Aufgabe auch sehr ernst. Paech hat neulich gesagt, das Existenzrecht Israels existiere nur in der verbalen Überhöhung. Das finde ich sehr schön, ich frage mich nur, wo er das abgeschrieben hat, beim "Stürmer“ oder beim "Neuen Deutschland“.

Wir verstehen diesen Satz leider überhaupt nicht.

Ich auch nicht. Aber er hört sich so an, als tendiere Herr Paech dazu, das Existenzrecht Israels subtil zu verneinen. Er könnte es zur Abwechslung auch mit Belgien oder Portugal versuchen, aber das macht nicht so viel Spaß wie mit Israel zu hadern.

Wie reagieren Sie darauf? Mit einer verbalen Überhöhung?

Ich würde gerne mit einer physischen reagieren, aber das verbieten mir meine guten Manieren. Früher hätte ich etwas darüber geschrieben. Jetzt belasse ich es bei der gesteigerten Form der Grausamkeit: Ich zitiere ihn nur noch. Meine Frau behauptet zwar, die Leute würden es nicht verstehen. Aber Karl Kraus hat einmal einem Gegner gedroht: "Mein Herr, wenn Sie nicht schweigen, werde ich Sie zitieren.“ Ich glaube, das reicht. Es gibt Sachen, zu denen kann man nichts mehr sagen.

Ist das Absurde nicht auch ein schönes Mittel, um zu zeigen, wie es um uns steht?

Bestimmt. Wir feiern zurzeit das Ende der Wirklichkeit. Nichts ist mehr wirklich, alles nur so als ob. Nehmen Sie die Bekundungen des iranischen Staatspräsidenten und die Reaktionen darauf, nehmen Sie Gaza, oder nehmen Sie Professor Udo Steinbach, der gesagt hat, der Iran sei keine Gefahr für Europa. Wenn jemand angegriffen werde, dann nicht Europa, sondern nur die "säkulare Türkei“ und "natürlich Israel“. Der atomare Fallout wird sicher innerhalb der Grenzen dieser Länder bleiben. Es ist nur noch absurd.

Sie haben den Ruf, Stellvertreter George W. Bushs auf Erden zu sein.

Ein großes Kompliment. Allerdings habe ich bisher immer Bush als meinen Stellvertreter in den USA gesehen. Ich habe eine angeborene Amerikafreundlichkeit. Das ist Treue, Dankbarkeit und Verbundenheit. Wie übrigens auch mit der Sowjetunion. Bei uns zu Hause gab es eine klare Arbeitsteilung: Meine Mutter war von den Russen befreit worden, mein Vater von den Amerikanern, und ich fand immer, dass das eine gesunde Balance ist. – Aber Island finde ich auch ganz toll.

Wir dachten, Sie kämen aus der linken Sponti-Szene.

Ich bin immer noch ein linker Anarchist, auch wenn ich nicht mehr aussehe wie Frank Zappa. Außerdem war ich nie Sponti. Ich hatte immer Schwierigkeiten, mich zu entscheiden. Wenn Sie mich fragen, wie das denn zusammenpasst, Anarchist und Amerikafreund, dann vergessen Sie, dass Amerika aus dem Geist der Anarchie gezeugt wurde. Da haben hier noch die Burschenschaften Schmisse verteilt.

Sie waren mal bei den "St. Pauli Nachrichten“. Was gab es denn da Schönes an Anarchie?

Damals gab es noch kein Gorleben, kein Mutlangen und kein G 8. Wo also hätten wir uns sonst austoben sollen als auf der Reeperbahn? St. Pauli war großartig. Es hatte mit dem Versprechen auf Sex zu tun, das natürlich nie eingelöst wurde, aber uns sehr animierte. Meine schönste Zeit.

Sie haben damals offenbar viel Spaß gehabt.

Ich habe heute auch noch jede Menge Spaß. Ich arbeite wirklich gern. In Los Angeles habe ich vor kurzem einen 50 Jahre alten, unglaublich reichen Immobilienmakler getroffen und ihn gefragt, ob er sich schon vom Geschäft zurückgezogen habe. Er sagte, nein, er arbeite nur noch halbtags: from eight to eight. Der Mann hatte unglaublich viel Spaß bei seiner Arbeit. Das verband uns.

Was macht Ihnen am meisten Spaß?

Irgendwohin fahren, wo mich niemand kennt, aus dem Auto oder Flugzeug fallen, und nach drei Tagen eine Geschichte haben. Ein Abenteuer. Die Menschen sind in neun von zehn Fällen nett und hilfsbereit. Ich sage, wie ich heiße, dass ich Reporter bin und eine Geschichte machen will. Dann sag ich nichts mehr. Dann reden die Leute ganz von selbst.

Sie schreiben sehr viel über Juden. Steht Ihnen das ganze "jüdische Zeug“, wenn Sie den Ausdruck erlauben, nicht manchmal bis zum Hals?

Natürlich habe ich den jüdischen Zirkus manchmal satt. Es ist meine Nische, aus der ich nicht mehr entkomme. Das Gleiche könnten Sie allerdings auch Frau Roth von den Grünen fragen, die immer so auftritt, als hätte sie gerade eine persönliche Sprechstunde beim Dalai Lama gehabt und müsse jetzt die Welt retten. Die hat das, was die Amerikaner "peace of mind“ nennen.

Was würden Sie jemandem antworten, der von Ihnen sagt, Sie seien eine "fürchterliche Figur unter Deutschlands Journalisten“?

Nichts. Wahrscheinlich nimmt mir Alfred Grosser nur übel, dass ich bisher noch keine Zeile über ihn geschrieben habe.

Kann man Sie denn mit gar nichts beleidigen?

Doch. Wenn Sie über einen Text, was ich geschrieben habe, sagen würden: "Das war aber langweilig.“

Sie scheinen immer im Besitz der Wahrheit zu sein, jedenfalls wenn man Ihre Texte liest. Das treibt manche zur Raserei.

Soll mir recht sein. Was mir die Leute übel nehmen, ist, dass ich ihnen ein paar Nasenlängen voraus bin. Erst regen sie sich über mich auf, dann schreiben sie bei mir ab.

Helmut Markwort, Chefredakteur des "Focus“, hat Sie zum Preisträger des Ludwig-Börne-Preises bestimmt. Wie haben Sie Herrn Markwort dazu gebracht?

Ich hab die "Weisen von Zion“ um Hilfe gebeten. Der Kinder-Stürmer aus Kreuzberg, die "az“, hat die Preisverleihung an mich mit der wunderbaren Überschrift gemeldet, "Die Seilschaften funktionieren“. Fragen Sie die. Die wissen offenbar mehr.

Gibt es ein Preisgeld?

Das gibt es. Ist schon auf dem Konto für das College unserer Tochter. Man hat mich enteignet. Wie alle jüdischen Maulhelden bin ich zu Hause eine Mikrobe unter dem Pantoffel. Eine richtige Memme.

Sie gelten als Polemiker. Können Sie uns sagen, was ein Polemiker ist?

Tut mir leid, keine Ahnung. Ich jedenfalls bin keiner.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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