Medien : Herren-Überschuss

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Tom Peuckert verrät,

was Sie nicht verpassen sollten

Es gibt Orte, die wir immer mal gern besucht hätten. Aber letzten Endes hat uns doch der Mut gefehlt. Weil gutbürgerliche Tabus uns drückten. Weil Schamgrenzen nicht zu überwinden waren. Vielleicht auch, weil wir an solchen Orten doch nur Orgien der Banalität befürchteten. Die Rede ist von Swingerclubs. Den nächtlichen Stätten eines sexuellen Austauschs, der hier angeblich so frei und zügig vonstatten geht, wie anderswo der Umlauf des Geldes. Aber nun hat sich Feature-Autor Michael Lissek stellvertretend für uns in die Grotten der Lust gewagt. Hat dort Milieustudien betrieben und die Spielregeln des sexuellen Betriebs studiert. Seine Recherchen fasst er unter dem Titel „Die Traurigkeit der Körper“ zusammen. Keine ermutigende Bilanz für unentschlossene Möchtegern-Besucher. Abende mit „Herren-Überschuss“ und „Exotische-Öl-Parties“, so diagnostiziert Lissek, hätten in etwa den Charme organisierter Kegelausflüge. Wie kommt es, fragt der Autor, dass man im Leben immer als eine vollständige Persönlichkeit wahrgenommen werden will, sich im „Club“ aber freiwillig auf ein Geschlechtsorgan reduzieren lässt? (Deutschlandradio Berlin, 9. Juli, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz)

In der DDR übrigens hat man von offiziellen Swingerclubs nie gehört. Dafür gab es eine prächtig entfaltete Nudistenkultur. FKK-Strände im Überfluss, Zeltplätze nur für Nackte. Einerseits sollte östliches Nacktsein nichts mit wilder Sexualität zu tun haben, andererseits ließ sich der DDR-Mensch in der unmittelbaren Nachwendezeit gern seine Unverklemmtheit und sittliche Toleranz bestätigen. Im Feature „Nackte Tatsachen“ erzählt Autor Waclaw Stawny von den Wirren der deutsch-deutschen Nacktkultur. Wie es war, als in der Epoche der Wiedervereinigung naive östliche Blößen und ein gewaltiger westlicher Sexmarkt aufeinander prallten. Als sich der Ostmensch plötzlich zu fragen begann, ob unbekümmerte Nacktheit nicht doch ein vorzivilisatorisches Rudiment sei, das dem bürgerlichen Fortkommen nun irgendwie im Wege stünde (Deutschlandfunk, 7. Juli, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Das Nacktsein als eine Sache voller Paradoxe und Abgründe. Schon Jahrhunderte früher hat man das Problem gekannt. „Nackt auf dem Kirchenfries“ heißt eine kleine Sendung von Anette Schneider, die der Darstellung menschlicher Blößen in der Kunst gewidmet ist. Die christliche Leitkultur geriet regelmäßig in Bedrängnis, wenn Szenen aus dem Paradies gemalt werden sollten. Adam und Eva waren nackt. Aber durfte, was geschrieben stand, so einfach auch gezeigt werden? (Deutschlandradio, 9. Juli, 14 Uhr 40)

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