"Herzentöter" : Katja und die Geister

Wandlungsfähig, eigensinnig, uneigennützig - eine Begegnung mit der Schauspielerin Katja Flint.

Markus Ehrenberg
Flint
Ein etwas anderer Spreewald-Film: Katja Flint in "Herzentöter". -Foto: RBB

Ein Café am Hamburger Bahnhof in Berlin, ein regnerischer Montagvormittag. Katja Flint kommt wie verabredet um die Ecke, leger in T-Shirt, Kapuzenpulli, Jeans. Das Restaurant hat geschlossen. „Kommen Sie mit.“ Zielstrebig steuert Katja Flint den Hauptbahnhof an, Menschengemenge. Eine Überraschung – das ist nicht unbedingt der Ort, wo man eine der meistbeschäftigten und bekanntesten Schauspielerinnen Deutschlands, die sich selbst als „vollkommen schüchtern“ und „verklemmt“ bezeichnet, zum Journalistengespräch vermuten würde.

Für Überraschungen ist Katja Flint immer gut. Auch in ihrem neuen Film, der Low-Budget-Produktion „Herzentöter“, das Langfilm-Debüt des noch unbekannten Regisseurs Bernd Heiber. Katja Flint verkörpert die Schauspielerin Julia Mikitsch, die ihre besten Tage offenbar hinter sich hat. Zufällig wird Julia nach einer TV-Produktion von einem Autoknacker mit Fernweh in den Spreewald entführt und erlebt dort sonderbare Dinge bei einem Bauern, der Sumpfgeister kennt. Ein klug-versponnener Film, ein Juwel, wie es öfters im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vorkommen sollte, irgendwo zwischen Detlef Buck, Märchen, Heimatfilm und ein bisschen Fellini.

„Eine Sehnsuchtsgeschichte, die einem nachgeht.“ Katja Flint hat ihren Platz im Café im Hauptbahnhof gefunden und holt ein Buch mit Lausitzer Sagen aus der Tasche. Sie schwärmt von dem Film. „,Herzentöter’ hat quasi vier gleichberechtigte Hauptcharaktere. Neben der Julia, dem Autoknacker und dem Bauern noch der Spreewald, der zu einer zauberhaften, geheimnisvollen Landschaft mit Sümpfen und Geistern aufgeladen ist.“ Sie mag „diese zwischen Traum und Realität schwebenden Geschichten, eine gewisse Uneindeutigkeit, die den meisten deutschen Produktionen abgeht.“

Eindeutigkeiten hatte die 1960 in Hannover geborene und zum Teil in den USA aufgewachsene Schauspielerin in ihrer Karriere genug. „Bei 90 Prozent der Angebote, die ich auf den Tisch kriege, soll ich die erotische, kühle Blondine spielen“, sagt Katja Flint. So wie 1993 bei ihrem Durchbruch als kühle Politikergattin in Dominik Grafs Thriller „Die Sieger“ oder sieben Jahre später in Joseph Vilsmaiers Neun-Millionen-Euro-Kinofilm „Marlene“. Das war, meinen viele, der Höhepunkt ihrer Karriere, auch wenn sie das etwas anders sieht. Manche wollen von der Schauspielerin nach „Marlene“ sogar nicht mehr viel gehört haben – womöglich eine deutsche Diva auf dem absteigenden Ast, wie auch die Julia in „Herzentöter“.

Journalistengerede? Wenn man sich die Karriere von Katja Flint seit ihrem ersten Film „Kolp“ 1983 und die Presse dazu näher anschaut, hinterlässt die „Marlene“-Episode schon das Gefühl, als ob es da ein krasses Missverhältnis gegeben hätte, zwischen Außenwahrnehmung und Selbsteinschätzung, zwischen schauspielerischer Leistung und Anerkennung. Der Name Ute Lemper fällt. Und, ja klar, warum nicht, die Frage nach diesem ewigen Prinzip: im Ausland ein Star, in Deutschland – ein wenig verkannt? Auf so ein Gespräch möchte sich Katja Flint aber gar nicht einlassen. Sie schüttelt den Kopf. „Ich habe auch nach ,Marlene’ einen Film nach dem anderen gedreht.“ Sie mache ihre Arbeit, so gut sie eben kann. „Das ist das Wichtigste, neben der Tatsache, dass ich wirklich nur die Filme drehe, auf die ich Lust habe.“ Sie erwähnt Oskar Roehlers „Suck my Dick“, das Drama „Liebe und Verlangen“, die Filme mit der Luginsland und ihre Lady Milford in Leander Haußmanns Theaterfilm „Kabale und Liebe“.

Wenn da nur nicht immer diese Katja-Flint-Schublade wäre, die gleichen Rollen-Angebote: kühl, blond, erotisch, die deutsche Sharon Stone, Typ Glamourfrau – um da öfters herauszukommen, füttert die Flint Autoren und Produzenten seit ein paar Jahren mit eigenen Ideen. Die etwas andere Detektivin Franziska Luginsland im ersten Film „21 Liebesbriefe“, die dem Täter genauso auf der Spur ist wie dem Mann fürs Leben, war eine davon, mit ihren dunkel-strähnigen Haaren. „Ich möchte keine Autorin werden, die Schauspielerei füllt mich voll und ganz aus. Aber wenn die interessanten Bücher nicht zu mir kommen, muss ich selber etwas dafür tun.“ Sie lächelt, überlegt kurz. Ideen habe sie viele. Dabei sollte sie vielleicht öfters auf ihren 19-jährigen Sohn Oscar hören, der in den USA eine Ausbildung zum Produzenten macht und „seiner Mutter rät, mit ihren Ideen nicht allzu uneigennützig zu sein“.

Vielleicht geht Katja Flint dieses Schwebend-Träumerische aus Filmen wie „Herzentöter“ oder den poetischen Krimis mit Franziska Luginsland in Wirklichkeit öfters nach, als ihr lieb ist. Auch wenn sie sich selbst als „Realistin“ bezeichnet und darauf verweist: Das da sind meine Rollen, meine Arbeit, meine Profession. Sie sei „kein Fantast“, durchaus aber ängstlich und vollkommen schüchtern, „schon immer gewesen". Einen Mann im Café anflirten? „Undenkbar.“ Wie zum Gegenbeweis ein etwas längerer Blick am Bistrotisch aus dunkelbraunen Augen, dazu das flammend rote Haar. Man möchte sich jetzt nicht vorstellen, wie ihre Ex-Partner Heiner Lauterbach, Bernd Eichinger oder Peter Handke damit umgegangen sind.

Über Privates spricht die vor vier Jahren von München nach Berlin-Mitte umgezogene Schauspielerin eh' nicht so gerne. Nur soviel: Wegen der Dreharbeiten zum neuen Film aus der Luginsland-Reihe hatte sie im Juni eine lang geplante Schiffsreise mit der Großfamilie absagen müssen. Nun wolle sie erst mal Urlaub machen. Auszeiten in ihrer Dachgeschosswohnung, viel lesen, zurzeit den Schweizer Autor Martin Suter. Und dann weitere Film-Ideen. Weitere uneindeutige Geschichten, eventuell weitere Projekte mit Sohn Oscar. Beide haben zusammen einen Doku-Film gemacht.

Stoffe auch wie „Herzentöter“, der etwas andere Spreewald-Film, im Grunde eine Geschichte über Menschen, die versuchen, ihr Leben in Ordnung zu bringen. Am Ende muss sich die Julia Mikitsch entscheiden: zwischen einem Leben auf dem Bauernhof, mit Heiner Müllers „Hamletmaschine“ im Dorftheater, und dem TV-Produzenten, der sie aus dem Spreewald zurückholen will. Wie das ausgeht, sei hier nicht verraten. Katja Flint hätte es genauso gemacht. Spricht's und verschwindet im Menschengewühl des Hauptbahnhofs.

„Herzentöter“, ARD, 22 Uhr 45

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