Hessische Fernsehfestspiele : Der "Isch"-Faktor

So viel Hessen war seit Heinz Schenk und "Der blaue Bock" nicht. Ypsilanti, Beckmann, Kerner: Was von Hessen im Polittalk übrig geblieben ist.

Christian Tretbar
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Andrea Ypsilanti zu Gast bei Johannes B. Kerner -Foto: dpa

Irgendwann hat Andrea Ypsilanti die Maske fallen lassen. Die selbst ernannte hessische Jeanne d’Arc, die sich für die soziale „Gereschtischkeit“ einsetzt wie keine Zweite, mutierte zur eisernen Lady. Gnadenlos verpasste Hessens SPD-Chefin vor den Augen von Johannes B. Kerner und der Fernsehöffentlichkeit ihrem Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel am Dienstagabend einen Peitschenhieb. Ausgerechnet, als Deutschlands unbekanntester Politiker seinen stärksten Moment in der ZDF-Talkshow hatte. Auf die Frage von Kerner, ob er sich nach den Neuwahlen in Hessen im Januar um den Fraktionsvorsitz mit Ypsilanti streiten müsse, antwortete Schäfer-Gümbel cool: „Nein, dann bin ich ja Ministerpräsident.“ Kerner konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Alle mussten lachen. Nur eine lachte am lautesten: Andrea Ypsilanti. Besser hätte es Gerhard Schröder, Ex-Kanzler und Lieblingsfeind von Ypsilanti, kaum machen können. Sein Lachen war tödlich, ihres war brutalstmöglich. Aber bestimmt war es lieb gemeint.

Der Auftritt des Duos Ypsilanti-Schäfer-Gümbel war der krude Schlusspunkt der hessischen Fernsehfestspiele in den vergangenen Tagen. ARD und ZDF teilten sich Helden und Verlierer, Täter und Opfer. Eine aufgeregte Plauderrunde, ohne Kurs und Steuerung, am Sonntagabend bei Anne Will machte den Anfang. Die hessische SPD-Chefin war nicht mal live zugeschaltet, ein aufgezeichnetes Interview mit ihr wurde der Sendung in kleinen Dosen eingeflößt. Tenor des Gesprächs: Wie oft soll ich mich denn noch entschuldigen? Reinhold Beckmann spielte einen Tag später „Vier gewinnt“ mit den SPD-Rebellen Dagmar Metzger, Carmen Everts, Silke Tesch und Jürgen Walter, die vergangene Woche aus Gewissensgründen, wie sie sagten, Andrea Ypsilanti nicht zur Ministerpräsidentin wählen konnten.

Erstaunlich nüchtern ging es im Ersten zu. Eine richtige Chronologie der Ereignisse konnte Beckmann zwar nicht nachzeichnen, auch wurde nicht klar, warum sich die vier erst so spät gegen Ypsilantis Kurs entschieden hatten. Aber Beckmann widerstand der Versuchung, aus seinem Talk eine Gerichtsshow zu machen, an deren Ende er ein Urteil über die vier hätte fällen müssen. Das übernahm CSU-Chef Horst Seehofer, der auch Gast war. „Ich kenne solche Situationen aus meiner Partei“. Seine Botschaft aber war: Ich bin Profi und noch da, und Ihr seid Amateure und bald weg vom politischen Fenster.

Was folgte, war der Auftritt von Ypsilanti und Schäfer-Gümbel am Dienstagabend bei „Johannes B. Kerner“. Für Ypsilantis Landsleute bleiben zwei Erkenntnisse. Die erste: So viel Hessen war seit Heinz Schenk und „Der blaue Bock“ nicht, jener kultigen TV-Äppelwoi-Unterhaltungssendung aus den 70er und 80er Jahren. Und die zweite: Nur hessische Krisenorte schaffen es bundesweit ins Fernsehen. Denn neben Schalten und Talkrunden zum Katastrophenherd SPD beeindruckten vor allem Berichte von einem anderen hessischen Hort der Krise – der Frankfurter Börse.

Die glorreichen TV-Zeiten der Hessen mit Schenk oder diesen Drombuschs sind vorbei, jetzt bestimmen Ypsilanti und ihr stilbildendes „Isch“ das Bild der Deutschen über ein Bundesland, das in der Mitte der Republik liegt. Persönlichkeiten wie Goethe, die Gebrüder Grimm oder Georg Büchner haben Hessen geprägt. Ebenso der Schinderhannes.

Und so gab Ypsilanti bei Kerner noch einmal den hessischen Ton an. Knapp zwanzig Minuten redete sie, knipste ihr Lächeln und hob ihre strengen Augenbrauen an. Auf die Feststellung von Kerner, wonach über 80 Prozent der Hessen gegen ihre Pläne, ein Linksbündnis einzugehen, gewesen seien, sagte sie: „Dann frage isch misch, wie man da in Zukunft Politik machen soll.“ Das gilt auch für „TSG“, wie Schäfer-Gümbel von Freunden genannt wird. Der muss sich fragen, wie er Politik machen will – mit Ypsilanti im Rücken. Ihm blieb bei Kerner nicht viel Zeit, sich zu präsentieren. Ein paar Sätze nur. Wenigstens startete Schäfer-Gümbel einen ehrgeizigen Versuch der Rechtfertigung: Warum ein Fan des FC Bayern München wie er Ministerpräsident im Land von Eintracht Frankfurt werden will.

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