"heute-show"-Ersatz : So paradox wie ein Pinguin mit Rüssel

Die Sitcom „... und dann noch Paula“ zeigt, wie schwer der „heute-show“-Ersatz zu schaffen ist. Dabei birgt der Zusammenstoß von jugendlichem und erwachsenem Wahnsinn durchaus eine Bereicherung der Humorkultur.

Nikolaus von Festenberg
Auf der Toilette vergewaltigt. Paula (Amelie Plaas-Link) und ihr Vater Oliver (Alexander Schubert) müssen sich erst noch aneinander gewöhnen.
Auf der Toilette vergewaltigt. Paula (Amelie Plaas-Link) und ihr Vater Oliver (Alexander Schubert) müssen sich erst noch...Foto: ZDF

Im Fernseh-Komik-Dienst müsste man arbeiten. Da sagt man Ende Mai, im September kommen wir wieder, die Sonne lacht und das Gehalt fließt. Oliver Welke, der Oberschelm der „heute-show“, tat das vergangenen Freitag. So ganz nebenbei, als wäre der Lerchenberg im Sommer gottgegebene Vakanzzone. Harald Schmidt brachte die sommerliche Endlospause auch so lässig vor. Der Vorschlaghammer der „heute-show“ wird weggehängt. Einen Sommer lang keine wunderbaren Wuttiraden von Hassknecht (Hans-Joachim Heist), keine Eulenspiegeleien der Außenreporter von irgendwelchen behämmerten Veranstaltungen, keine Derbheiten. Droht jetzt das kabarettistische Florett, wo wir uns so wohlig an den Säbel gewöhnt haben? Können die Politiker jetzt die Köpfe heben?

Scheint so. Der Ersatz für Welke lässt sommerliche Milde walten. Die sechsteilige Sitcom „... und dann noch Paula“ startet an diesem Donnerstag auf ZDFneo und am Freitag im ZDF auf dem Welke-Platz. Wir Freizeit-Etymologen wissen, dass Sitcom von Sitte kommt und nur fiktionalen Biss hat. Im Ernst: Die Sitcom kann nicht wie die „heute-show“ aus dem unendlichen Reservoir politischer und gesellschaftlicher Dummheit schöpfen, das die Mächtigen Woche für Woche unfreiwillig füllen. Die Sitcomler müssen den Humor erfinden mit Rahmenhandlung, Dialogwitz, guten Darstellern und letzten Resten von Charme. Da bleibt immer etwas Rührendes, wenn humoristische Unschuld in der Derbheitspause ihr künstliches Stimmchen erhebt. Die Sitcom darf nämlich nur sich selbst erzählen, während so etwas wie die „heute-show“ anderer Leute Wahnsinn zu vergackeiern hat.

Headautor Michael Gantenberg, 54, hat im Buch des deutschen Humors, das nur Böswillige für eine Leere-Blatt-Sammlung halten, so manches Kapitel geschrieben (Grimmepreis für „Ritas Welt“, Deutscher Comedypreis für „Alles Atze“). In der neuen Sitcom hat er sich einen klassischen Albtraum ausgedacht, den nur die postfamiliäre Verlotterung auslösen kann: Autist trifft Autistin und beide müssen Vater und Tochter spielen, weil die humorlosen Gene (und eine irre Mutter) es so wollen.

Kultkoch kommt aus der Klapse

Zu Beginn sehen wir den Helden Oliver Rettler (Alexander Schubert), wie er die Klapse verlässt. Von Beruf ist er Kultkoch im Internet und privat ein durch seine anale Ordnungssucht gestresster Hagestolz, der schon auf Kindesbeinen die Playmobil-Figuren nach Größe sortierte. Wenn Ordnung das halbe Leben ist, dann führt der Ordnungsfimmel in den ganzen Burn-out. Oliver wurde klinisch, weil er in einer Live-Sendung einen Gast verprügelt hatte, der das von Oliver zubereitete Entrecôte mit Ketchup bedecken wollte. Er versucht sich mithilfe eines befreundeten Arztes in seiner penibel eingerichteten Wohnung wieder einzukriegen, da meldet sich etwas, das seinen Ordnungssinn mindestens so bedroht wie Ketchup: Die 17jährige Paula (Amelie Plaas-Link) behauptet, Olivers Tochter zu sein.

Der weiß aber von keinem amourösen Abenteuer, bis ihm einfällt: Da gab es vor Jahren eine irre Aushilfe in einem Lokal , die ihn auf der Toilette vergewaltigte. Und als die Tochter erzählt, ihre Mutter habe sich aufs Dach gelegt, um mit Außerirdischen zu vögeln, sei aber nur von Tauben bekleckert und dann vom Dach herunter in eine Psychiatrie eingeliefert worden, da schwant Oliver Schreckliches. Ein Gentest bringt Gewissheit und die Aussicht auf ewiges Grauen für den Vater.

Nun endlich kann die Lachmaschine zu laufen beginnen. Der Zusammenstoß zwischen jugendlichem und erwachsenem Wahnsinn nimmt seinen komödiantischen Lauf. Tochter klaut Toilettenartikel. Vater bringt sie als Erziehungsmaßnahme zusammen mit der Diebin in den Laden zurück, aber die Wiedergutmachungsaktion scheitert an Olivers Ordnungssucht: Der Laden ist fehlerhaft sortiert, das Geklaute findet nicht seinen richtigen Platz. Oliver tobt. Der Ladendetektiv wird aufmerksam. Verfolgungsjagd, Schwarzfahren, simulierter Herzinfarkt, von der Tochter vollgekrümelte Wohnung ertragen – Ketchup ist überall.

Oliver als Vater, das hatte sein Arztfreund (Sascha Nathan) prophezeit, sei so paradox wie ein Pinguin mit Rüssel. Die Darsteller der verlorenen Tochter und ihres verlorenen Vaters kämpfen sich mutig und voller Herz durch die Witzeschlacht. So schnell wie Welke kann Sitcom genrebedingt nicht zuschlagen, Politikerunsinn als Drehbuchvorlage ist kaum zu überbieten.

Trotzdem bereichert die Paula-Comedy die Humorkultur um eine neue Witzfigur. Eleonore Weisgerber gibt als Oma Ursula die 68er-Alte. Unerbittlich vergnügungssüchtig, egomanisch und linksphrasensüchtig torpediert diese Hippe mit ihrem Chaotentum alle Erziehungsversuche. Die Neu-Enkelin Paula findet das klasse, der Vater verzweifelt. In einer ähnliche Rolle war Weisgerber vor Kurzem aufgetreten. Da trieb sie ihre Schwiegertochter in „Mutter auf Streife“ in den Polizeidienst.

Ihr Alt-68er, wann gebt ihr endlich Ruhe? Da muss wohl mal Hassknecht ran. Vox Populi kommt schließlich von Vox Pöbeli. Aua.

„... und dann noch Paula“. Donnerstag, ZDFneo, 22 Uhr 15 und am Freitag ZDF, 22 Uhr 30.

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