Medien : Hier akquiriert der Chef

NDR-Intendant Jobst Plog hat einen Plan: Studio Hamburg kauft Studio Babelsberg

Joachim Huber

Das Verhältnis ist angespannt, zwischen Berlin und Hamburg. Und es könnte noch ein bisschen schwieriger werden. Denn von Hamburg, genauer vom Norddeutschen Rundfunk (NDR), geht eine Initiative aus: Über die NDR-Tochter Studio Hamburg, die sich als Studio Berlin massiv in Berlin-Adlershof engagiert hat, soll Studio Babelsberg gekauft werden. Und damit die neue Kooperative dorthin kommt, wo sich weder Studio Berlin noch Studio Babelsberg befinden, in die schwarzen Zahlen nämlich, müssen weitere Aufträge für Fernseh-Produktionen in Berlin-Brandenburg akquiriert werden. Damit kommt ein drittes Studio ins Spiel: die Berliner Union-Film in Berlin-Tempelhof. Dieses Unternehmen arbeitet eng mit dem ZDF zusammen, ein Auftragsvolumen, das die beiden anderen Studios als neuer Verbund gerne zu sich herüberholen würden.

Jobst Plog, NDR-Intendant und ARD-Vorsitzender, sagt zur Initiative: „Ausgangspunkt war ein Besuch von Vivendi in Hamburg, bei dem es um die Suche nach Lösungen für den feststehenden Vivendi-Ausstieg in Babelsberg ging.“ Das französische Versorgungsunternehmen ist die ständigen Verluste Leid, genauso wie der NDR verschärft darüber nachdenkt, wie er seine über die Republik verstreuten Produktionsstandorte, zusammengefasst unter dem Label „Studio Hamburg“, endlich in die schwarzen Zahlen bringen kann.

Studio Hamburg / Studio Berlin ist bereits mit Studio Babelsberg verbandelt, in einer 50:50-Teilhabe wird das Fernsehzentrum in Potsdam betrieben. Plog sagt, Studio Hamburg habe „ein Gutachten als Entscheidungshilfe für einen möglichen Ausbau der Beteiligung in Babelsberg in Auftrag gegeben.“ Dieses Gutachten hat, wie Studio-Hamburg-Geschäftsführer Martin Willich bestätigt, die Beratungsfirma McKinsey erstellt. Darin wird ein Übernahmemodell präferiert, wonach Studio Berlin das Studio Babelsberg kauft. Das Ziel ist eindeutig: Die wirtschaftlichen Probleme beider Standorte sollen durch Kostenreduzierung sowie erhöhte Auftragsakquise behoben werden. Wörtlich heißt es: „Eine Mehrauslastung von Studio Babelsberg ist nur im Verdrängungswettbewerb zu erreichen.“ Benötigt werde ein zusätzlicher Jahresumsatz von rund 4,5 Millionen Euro.

Jobst Plog treibt die Angelegenheit mit Tempo voran. Er will möglichst noch im Januar die Geschäftsführung der beiden Studios und von Vivendi, den Wirtschaftssenator von Berlin, den Wirtschaftsminister von Brandenburg, verschiedene ARD-Chefs und ZDF-Intendant Markus Schächter an einen Tisch zusammenbringen. „In dem Gespräch wird es auch darum gehen, ob und wie zusätzliche Aufträge akquiriert werden können. Die müssen keineswegs zwingend von der Berliner Union-Film kommen, aber auch dort muss man sich der Konkurrenz stellen“, sagt Plog. Studio-Hamburg-Chef Willich betont, die Initiative sei gegen niemanden gerichtet, es könne aber auch für niemanden „eine Reservatsituation“ geben. Bei der Adressaten-Liste des Plog-Briefes muss auffallen, dass kein Vertreter des Studios in Tempelhof eingeladen wurde, dafür aber dessen bester Kunde, das ZDF in Gestalt von Intendant Markus Schächter. Nach dem McKinsey-Gutachten sollte der Mainzer Fernsehsender nicht nur zum Studio-Wechsel motiviert werden, sondern zugleich Belegungsgarantien abgeben. Auch gegen fortgesetzte Subventionen in Form erhöhter Filmförderung oder erklecklicher EU-Mittel wird nichts eingewendet.

Die McKinsey-Berater gehen noch einen Schritt weiter. Kommt es zur Verschmelzung von Studio Berlin und Studio Babelsberg, sollten in Potsdam weitere 113 Mitarbeiter entlassen werden. Dazu meint Plog, „die Frage, was beim Ausstieg von Vivendi in Babelsberg geschieht, stellt sich gänzlich unabhängig von einer Studio Hamburg-Beteiligung.“

Nun ist es keineswegs so, dass Jobst Plog über eindeutige Machtmittel verfügt, die eine Zusammenführung der beiden Produktionsstandorte zwingend macht. Was er hat, das ist das Engagement des Hamburger NDR in der deutschen Hauptstadt. In Plogs Diplomatensprache heißt das: „Wir prüfen ständig, ob das mit erheblichem Aufwand verbundene Engagement von Studio Hamburg in Berlin sich rechnet.“

Christian Kube, Geschäftsführer der Berliner Union-Film, ist „aufs Höchste alarmiert“. Durch Leistung, Verlässlichkeit und Kostenbewusstsein hätte sich das Unternehmen in 40 Jahren „seine Kunden verdient“. Der Betrieb mit seinen 150 Mitarbeitern sei wirtschaftlich gesund. Zu den Auftraggebern gehöre in erster Linie das ZDF, aber im harten Wettbewerb mit der Studio-Konkurrenz seien auch andere Sender gewonnen worden: „Die Berliner Union-Film lebt nicht im Reservat, sondern behauptet sich auf dem freien Markt – und zwar ohne jede Subvention.“

Kube kündigte an, dass er über den Plog-Vorstoß „mit der Berliner Politik in den nächsten Tagen Gespräche führen wird“. Er fürchtet nämlich über die wettbewerbliche Verzerrung hinaus politische Einflussnahme, dass „mit politischer Macht in bewährte Kundenbeziehungen eingegriffen wird“. Auch die Berliner Union-Film musste nach seinen Angaben im vergangenen Jahr mit Produktionsrückgängen zurechtkommen, so habe das ZDF die Produktionen „Streit um Drei“, „Kaffeeklatsch“ und „Der große Preis“ eingestellt. Die Berliner Union-Film ist laut Kube im Jahr 2003 beim Geschäftsergebnis „auf die Nulllinie zurückgefallen“.

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