Medien : Hier schillert’s prächtig

„Kabale und Liebe“ als grandioses Fernsehspiel

Kerstin Decker

Das hätten wir ja beinahe vergessen: Es ist noch Schillerjahr! Bisschen spät für diesen Film, denkt man im ersten Augenblick. Die Schiller-Verantwortlichen von ZDF, ZDF-Theaterkanal und 3sat haben für diesen späten Sendetermin von Leander Haußmanns „Kabale und Liebe“ folgende Erklärung: Der Höhepunkt des televisionären Schillerjahrs kommt zum Schluss! Und da haben sie Recht. Auch wenn ZDF-Intendant Markus Schächter diese Schillerverfilmung als „Wagnis ohnegleichen“ bezeichnet, „noch dazu in Originalsprache“, im Fernsehen! Ja, was heißt das denn? Wir wissen nicht, welche Übersetzungshilfen sich der ZDF-Intendant sonst bereitlegt, wenn er Schiller liest. Also sei es ganz deutlich gesagt: Bei „Kabale und Liebe“ handelt es sich definitiv nicht um einen chinesischen Kulturfilm ohne Untertitel. Schiller spricht genau wie wir, nur viel schöner. Nicht nur Tier- und Pflanzenarten sterben aus, auch unsere Sprache stirbt.

Die Besetzung ist genau so, wie wir sie in einem Drama der deutschen Klassik erwarten dürfen. Götz George! Detlev Buck! Wer Götz George als Präsident, also Ferdinands Vater gesehen hat, fragt sich, warum der statt Schimanski nicht längst den ganzen Schiller spielt, und als Nächstes möchten wir ihn als Faust sehen. Der kann das. Auch Götz George spricht in Originalsprache, genau wie Detlev Buck oder Ignaz Kirchner. Für diese beiden ist das gewiss eine große Umstellung, denn Kirchner aus dem Rheinland und Buck von der Nordsee sprachen gerade reinstes DDR-NVA-Deutsch. Am Donnerstag ist Haußmanns „NVA“ in den Kinos angelaufen mit Detlev Buck als schneidig-kaltem Oberst Kalt, der am liebsten seine Blumenbeete pflegt.

In „Kabale und Liebe“ ist Buck der Oberintrigant Wurm, der Luise von ihrem Ferdinand abziehen will. Für eine solche Rolle darf man nicht eitel sein, Buck ist bemerkenswert uneitel. Normalerweise neigen Kabale-und-Liebe-Regisseure dazu, Luises Eltern als sich liebendes, edles Bürgerpaar zu zeigen. Kirchner, der eben noch NVA-Fähnrich Futterknecht war, ist als Luises Vater ein karger, schwer genervter Mann, der seine Frau wie eine Fliege verscheucht. Kein Wunder, denn diese Frau ist Katharina Thalbach: ein gräuliches, kleinbürgerliches Kuppelweib.

Haußmann hat seinen Schiller-Film nicht einfach mit klingenden Namen besetzt, sondern er hat es punktgenau getan, so bekommt die kleinste Figur eine wunderbare Prägnanz und jene Dynamik, die den ganzen Film prägt. Natürlich würde das alles nichts helfen, wenn da Ferdinand und Luise nicht wären. August Diehl und Paula Kalenberg. Ferdinand darf man getrost als Alter Ego Schillers sehen. Inzwischen hat man eine Ahnung davon, wie schwer es ist, einen richtigen Schiller zu finden. Alle Fernseh-Schiller dieses Jahres schillerten falsch. Diehl ist der Richtige, denn das Idealische an Schiller ist nicht weich. Diehl hat das kongeniale Maß an Energie, Überspanntheit, Unbedingtheit. Dieser Sohn ist ein guter Gegner für den Götz-George-Vater.

Und dann ist da noch ein Wunder dieses Films – die gerade 18-jährige Paula Kalenberg als Luise. Nicht nur, dass sie hübsch ist oder sogar schön. Es gibt ein Wort, das unserer Sprache auch gerade verloren geht, weil wir es nicht mehr gebrauchen. Anmut. Wer Paula Kalenberg sieht, weiß wieder, was es bedeutet. Nichts ist, entgegen einem populären Vorurteil, schwerer zu zeigen als die Liebe. Oft bleibt sie Behauptung, und man mag bei dem vielen Küssen gar nicht mehr hingucken. Eines seiner Echtheitsmomente hat die Film-Liebe am Humor. Liebende sind witzige Leute, erfindungsreich, verspielt – Diehls Ferdinand und Kalenbergs Luise sind es.

Haußmanns Filmfarben sind auch nicht ganz von dieser Welt. Es schillert in Gelb, in den sattesten Pastelltönen. So lebendig wie diese „Kabale und Liebe“ war selten ein Fernsehfilm. Und dann noch in Originalsprache!

„Kabale und Liebe“, am Montag, um 20 Uhr 15, 3sat

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