Medien : Hier sitze ich, ich kann nicht anders

Oder warum linke Weltverbesserer mit Oda-Gebbine Hölze Stäblein leben konnten

Kurt Scheel

Weißt du noch, Kamerad? Wehmütig blickt die Generation BRD der um 1949 Geborenen, zu der ich mich zählen darf, auf die Frühzeit unseres süßen Westdeutschlands zurück, die durch die kurrenten Jubiläumsfeiern gerade machtvoll in die Zeitungen und ins Gedächtnis drängt. 50 Jahre „Brigitte", 50 Jahre Wunder von Bern, 50 Jahre „Das Wort zum Sonntag" – drei Ereignisse, deren Bedeutung für die nachkriegsdeutsche Erinnerungskultur kaum zu überschätzen ist.

Meine persönliche Beziehung zum „Wort zum Sonntag“ war nicht von Dauer, die Einführung des Kommerzfernsehens und der Erwerb eines von Sendezeiten unabhängig machenden Videorekorders haben die zarten Bande dann endgültig gekappt. Aber zwischen 1963 (mein erster eigener Fernseher) und 1973 (Ende des Studiums, Beginn verantwortungsvoller, zeitraubender Tätigkeiten) habe ich so manchen Samstag mit Ungeduld, Heiterkeit und Faszination die Sendung verfolgt.

Mit Ungeduld, weil ich nicht sie, sondern den Spätfilm im Ersten sehen wollte, und da die despotischen Showmaster der nationalen Samstagsunterhaltung damals gnadenlos überzogen, man sich darauf aber auch nicht verlassen konnte, musste man eben um 22 Uhr, wohlbestückt mit Kaltgetränken und Rauchwaren, vor der Glotze, wie wir zärtlich sagten, hocken.

Doch der Unwillen verwandelte sich dann schnell in Heiterkeit, ja Faszination, denn es war schon eindrucksvoll, wie diese Kirchenleute – Wertezerfall hin, Bildüberflutung her (damals schon!) – einem wohl eher störrischen Publikum ernst, aber freundlich ins Gewissen redeten. Und eigentlich hatten sie immer Recht! Du sollst dich nicht nur um dich kümmern, sondern auch um deinen Nächsten. Du sollst nicht bloß so stumpf vor dich hin murksen, sondern auch mal nachdenken. Ist die Schöpfung, bei allem Mist, den der Mensch so baut, nicht im Prinzip prima, und sollten wir nicht das Beste daraus machen? Ganz meine Meinung! Aber wir linken Weltverbesserer hätten das anders, weniger konziliant, formuliert. Außerdem ist man als zwanzigjähriger Nachwuchsintellektueller naturgemäß kirchenkritisch, wenn nicht- feindlich. Aber trotzdem blieb man sitzen, hörte zu, wies höhnische Zwischenrufer zur Ordnung. Denn auch wenn man nicht mehr in die Kirche ging, war man doch irgendwie protestantisch – nicht nur als Protestierer gegen allfällige Ungerechtigkeiten, sondern eben auch in einem säkular-lutherischen Sinn: Hier sitze ich, ich kann nicht anders. Man war ja selber ein Kümmerer und Sorgender. Wenn die Leute nur auf einen hören würden, wäre manches, wenn nicht vieles, besser!

Manchmal gab es auch Geistliche, katholische zumeist, die mehr so Kirchlich-Lithurgisches thematisierten, sozusagen innere Befindlichkeiten der Religion: Das langweilte uns, denn es wurde häufig mit einer gewissen Kardinal-Meissner-artigen Verkniffenheit und Rechthaberei vorgetragen. Aber der menschenfreundliche Protestantismus beispielsweise einer Oda-Gebbine Holze Stäblein (ohne Bindestrich!), der dann ja auch zur Grundüberzeugung der alten Bundesrepublik werden sollte, hat uns damals nicht gestört, und heute wollen wir ihn gebührend ehren. Dem „Wort zum Sonntag“: ein dreifaches Hipp, hipp, hurra! Hipp, hipp, hurra! Hipp, hipp, hurra!

Der Autor ist Herausgeber des „Merkur“.

„Das Wort zum Sonntag“: ARD, 22 Uhr 40

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