Medien : Hilfe, ich bin kein Patriot

Rainer Moritz

Feige war ich, letzte Woche, als mein Taxifahrer seine Begeisterung über die Fahnen schwingende deutsche Bevölkerung nicht für sich behalten und mich mit einem jovialen „Wir müssen alle mehr deutsch denken, oder?“ ins Boot holen wollte.

Es war morgens um halb neun; ich war unausgeschlafen, suchte keinen Disput mit dem stolzgeschwellten Fahrer und brummelte als Antwort nur Unverständliches vor mich hin. Vielleicht aber bin ich kein feiger Einzelfall; vielleicht bin auch ich ein Opfer des nationalen Rausches, der alle nach dem in letzter Sekunde errungenen Sieg über die polnische Durchschnittstruppe zu ereilen scheint.

Waren es anfangs nur Jürgen Klinsmann und Angela Merkel, die das Rasengeschehen durch die rosarote Fanbrille sehen wollten, so herrscht inzwischen, wohin das Auge blickt, der kollektive, von „Bild“ & Co. angeheizte Zwang, selbst Arne-Friedrich-Aktionen schönzureden. Selbst Günter Netzer tut mit einem Mal so, als hätten wir gegen die Polen eine unglaublich tolle Leistung gesehen.

Reporter Manni Breuckmann wird umgekehrt abgewatscht, weil er Sponsorenhörigkeit geißelt, Lukas Podolski spricht nicht mehr mit jedem und will mit Hilfe seines Medienanwaltes nicht länger dulden, dass sein Redefluss satirisch aufs Korn genommen wird.

Lassen wir doch die Eckfahnen im Stadion: Deutschland hat sich bislang wacker geschlagen, ohne mit einem Spitzenteam konfrontiert worden zu sein, und man ist nicht zwangsläufig Nestbeschmutzer, wenn man Metzelder, Friedrich und Huth weiterhin für Sicherheitsrisiken und das Ausscheiden der deutschen Mannschaft im Achtelfinale für sehr wahrscheinlich hält.

Und genau das werde ich noch heute meinem Taxifahrer schonungslos und mutig sagen – und unaufgefordert. Jawohl.

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