Medien : Hinter der großem Mauer

Angela Merkel hat sich in China mit Kritik zurückgehalten – chinesische Internetnutzer tun das nicht. Das musste jüngst ein Funktionär mit verdächtig vielen Luxusuhren erfahren.

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In der vergangenen Woche hat der chinesische Beamte Yang Dacai erfahren, was im Internetzeitalter passieren kann, wenn man am falschen Ort zur falschen Zeit lacht. Vielleicht hat der Direktor des Sicherheitsüberwachungsbüros der Provinz Shaanxi nur kurz gegrinst, allerdings tat er dies im Dienst auf einer Landstraße, auf der gerade ein Überlandbus in einen Tanklastzug gerast war. 36 Menschen hatte der grausame Unfall das Leben gekostet. Und Yang Dacai lacht. Blöd für ihn, dass ein Fotograf der Nachrichtenagentur Xinhua diesen Moment im Bild festgehalten hat. Noch blöder, dass der User @jadecong anschließend das Foto über sein Sina-Weibo-Konto verbreitet hat. Denn damit geriet der Beamte in die Mühlen der chinesischen Menschenfleisch-Suchmaschine.

Rénròusousuo, die Menschenfleisch-Suchmaschine, wird in China das Phänomen genannt, bei dem sich der Schwarm des Internets auf die Suche nach der Identität eines Menschen begibt, der sich irgendwie auffällig benommen hat. Und der Schwarm ist groß. 513 Millionen Menschen nutzten nach offiziellen Angaben im Jahr 2011 das Internet. Das Foto kam schnell auf über 400 000 Kommentare, zumeist zornige. Es dauerte nicht lange, bis die User den Namen und Beruf des Beamten ausfindig gemacht hatten. Nicht nur das ignorante Lachen scheint deren Spürsinn angetrieben zu haben, mit seinem Schmerbauch entsprach er auch dem Phänotyp des korrupten Parteikaders. Als der Schwarm auf anderen Fotos entdeckte, dass Yang Dacai fünf unterschiedliche Luxusuhren trägt, deren Wert sich auf mindestens 32 000 Dollar addiert, prasselte ein Shitstorm auf den nun auch der Korruption verdächtigen Beamten nieder. „Schau dir deinen korrupten Bauch an und die Uhren, die du zu verschiedenen Gelegenheiten trägst, alle von deinem mageren Monatsgehalt“, kommentiert ein User, „ich hoffe, dass die entsprechenden Behörden diese Person einer Untersuchung unterziehen.“

In den vergangenen Jahren haben die Sozialen Netzwerke an Einfluss gewonnen. Die Bevölkerung spricht ihnen im Gegensatz zu den staatlich gesteuerten klassischen Medien ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zu. Viele der von staatlicher Seite als „Gerüchte“ abqualifizierten Nachrichten haben sich als wahr herausgestellt und mussten von den etablierten Medien aufgegriffen werden. David Bandurski, Medienexperte von der Hongkong-Universität, sagt: „Die Zensur ist ein Grund, warum die Chinesen in den sozialen Netzwerken so aktiv unterwegs sind, und sie ist auch für viele der sogenannten Innovationen im Netz verantwortlich.“

Das beginnt bei den Anbietern. Viele der westlichen Netzwerke wie Twitter oder Facebook hat die chinesische Regierung hinter die Große Firewall verbannt, sie sind nur mit technischem Aufwand zu erreichen. Stattdessen dürfen sich die Chinesen auf chinesischen Plattformen wie Sina Weibo oder QQ versammeln, die die Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei leichter kontrollieren kann.

Der Kurznachrichtendienst Weibo ist in China auch deshalb so beliebt, weil in 140 chinesischen Zeichen mehr gesagt werden kann als in 140 Buchstaben auf Englisch oder Deutsch. Außerdem können Bilder in den Text integriert werden. Viele Chinesen stellen Internettexte als Bilddateien ein. Im Westen, sagt David Bandurski, könne man deshalb auf Seiten verlinken, weil sicher sei, dass sie auch morgen noch da sind. „Das ist in China nicht der Fall.“

Webseiten mit „sensiblen“ Inhalten oder Wörtern werden gelöscht. Manche der Begriffe sind allgemein bekannt: „Tiananmen-Massaker“ etwa oder der Name des Friedensnobelpreisträgers „Liu Xiaobo“. Andere ändern sich von Tag zu Tag. Als „Bloomberg“ einen investigativen Bericht über die Reichtümer der Familie des künftigen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Xi Jinping veröffentlichte, war plötzlich nicht nur das Wort „Bloomberg“ gesperrt. Auch nach „Xi Jinping“, „Generalsekretär“ und „Präsident“ konnte man nicht mehr suchen.

Inzwischen nutzen auch die Behörden das Netz. Auf Sina Weibo besitzen sie über 50 000 Mikroblogs, allein das Außenministerium hat 2,8 Millionen Follower. Zudem beschäftigen die Propaganda-Behörden auch noch die „50-Cent-Partei“, bezahlte User, die sich unter anderen Namen einloggen und die Diskussionen in eine regierungsfreundliche Richtung drehen. Sie sollen anfangs rund fünf Mao (50 Cent) für jeden Beitrag erhalten haben. Der Künstler und Regierungskritiker Ai Weiwei hat ein Interview mit einem Angestellten der 50-Cent-Armee veröffentlicht. „Wir sind die Regisseure eines Schauspiels, das wir selber geschrieben haben, in dem wir selber Regie führen und die Rollen selber spielen“, erklärt der „50-Cent-Soldat“, „auf diese Weise beeinflussen wird das Publikum.“

Trotz der Manipulationen glaubt Ai Weiwei, dass das Internet die chinesische Gesellschaft verändern wird. „Die Leute haben begonnen, ihre Ideen zu teilen – ein neues Gefühl von Freiheit kommt auf“, schreibt der Regimekritiker im „Guardian“. Medienexperte David Bandurski sieht den Einfluss des Web 2.0 auf Meinungsfreiheit in China pessimistischer. „Themen können in sozialen Netzwerken aufkommen, aber sie werden oft gekillt, bevor sie sich wirklich zu einer voll ausgereiften Medienberichterstattung entwickeln.“ Ohne Berichterstattung in den professionellen Medien aber blieben Informationen ungeprüft und meistens gefühlsbeladen.

Der nun unter Korruptionsverdacht stehende Yang Dacai hat es, sehr zu seinem Leidwesen, in die professionellen Medien geschafft. „Wir hoffen, dass Yang auch einer strengsten Überprüfung standhält“, schreibt die staatlich kontrollierte Zeitung „Global Times“. Sie lobt die Kontrollfunktion der Internetgemeinschaft und rät Chinas Beamten, sauber zu bleiben. Yang Dacai hat sich bei Sina Weibo den Fragen einiger User gestellt. Er sagt, sein Lachen sei ein Verlegenheitslächeln, weil er den Dialekt der Beamten nicht verstanden habe. Die Uhren will er über zehn Jahre von seinem Gehalt legal erworben haben. „Direktor Yangs Krisenmanagement ist nicht schlecht“, lobte ihn ein User. Ein anderer postete Fotos, auf denen Yang Dacai noch vier weitere Luxusuhren trägt.

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