Medien : Hinter der Maske des Bösen

ZDF-Reihe über Sexualstraftäter, ihre Motive und Chancen zur Therapie

Thomas Gehringer

Lassen sich Sexualmörder therapieren? Muss man sie nicht ein für allemal wegsperren, wie es vor Jahren auch Bundeskanzler Gerhard Schröder forderte? Das ZDF will mit dem Dreiteiler „Maske des Bösen“ über den Umgang mit Sexualstraftätern aufklären, „mehr Wissen vermitteln und über diese Schlagzeilen-Geschichten hinwegkommen“, wie Film-Autor Gunther Scholz sagt. Sein Trumpf ist die enge Zusammenarbeit mit dem österreichischen Kriminalpsychologen Thomas Müller. Durch die Mithilfe bei einigen spektakulären Fällen ist Müller populär geworden. Er half zum Beispiel, den Briefbomben-Attentäter in seiner Heimat zu überführen. In „Maske des Bösen“ gewährt Müller Einblicke in seine Arbeitsweise, doch die Nähe zum Ermittler-Star wird für den Film Segen und Fluch zugleich.

Wie in den halbdokumentarischen Reihen „Medical Detectives“ (Vox), „FBI“ und „Akte Mord“ (beide RTL 2) sieht man originale Tatort-Bilder und nachgestellte Szenen, hört Polizisten, Wissenschaftler sowie Opfer oder deren Angehörige. Aber Gunther Scholz geht einen gewaltigen Schritt weiter: Er lässt auch die Täter von Sexualverbrechen ausführlich zu Wort kommen, indem er ihre Gespräche mit Müller und mit Therapeuten filmt. Zum Beispiel Andreas K., der in der Maßregelvollzugsanstalt Eickelborn einsitzt. Als 19-Jähriger hatte er versucht, eine Joggerin zu vergewaltigen und zu töten. Nach viereinhalbjähriger Jugendhaft wurde er vorzeitig entlassen. Im Gefängnis haben sich seine Fantasien „mehr und mehr aufgebaut“, berichtet Andreas K. Doch davon wusste niemand, denn eine Therapie gab es nicht.

Sein Fall markiert einen zentralen Kritikpunkt der Reihe: Die sexuellen Motive von Straftätern werden oft nicht erkannt, ihr Gewaltpotenzial wird unterschätzt. Bei nichttherapierten Häftlingen aus dem normalen Strafvollzug ist die Rückfallquote besonders hoch. Aber selbst im Maßregelvollzug bleiben die unfassbaren Fantasien zuweilen unentdeckt: Therapeuten bekommen zwar das Urteil und die Gerichtsgutachten, häufig aber nicht die Tatortberichte und andere Ermittlungsdetails zu Gesicht. Auf solche Missstände hinzuweisen, ist ein besonderes Verdienst der Reihe. Auch legen Scholz und Müller überzeugend dar, dass das Wissen über Fantasien von Tätern sowie über den detaillierten Ablauf einer Tat bei der Aufklärung und der Vorbeugung weiterer Verbrechen hilfreich ist. So erkannte Müller im Fall eines Frauenmordes in Bern, von dem der erste Teil überwiegend handelt, Parallelen zu den Taten eines anderen Eickelborner Insassen.

Doch die direkte Konfrontation mit Straftätern solchen Kalibers ist im Fernsehen eine heikle Gratwanderung. Nach nur drei Tagen in Freiheit tötete Andreas K. eine Prostituierte mit 78 Messerstichen. Was er in den drei Tagen getan habe, fragt ihn Thomas Müller. „Da habe ich mich vorbereitet“, sagt Andreas K. Während der Tat habe es einen Moment gegeben, in dem er einfach zugeschaut habe, wie sich sein Opfer quälte: „Das war ein schöner Augenblick.“ Hier gehen Scholz und Müller eindeutig zu weit. Das im Gespräch mit dem Psychologen erforderliche offene Wort wird im Massenmedium zu einer schwer erträglichen, erneuten Erniedrigung des Opfers. Überflüssig wirkt auch manche nachgestellte Szene.

Als Nischenprogramm sei „Maske des Bösen“ nicht von vornherein geplant gewesen, sagt Scholz. Doch die Ungeheuerlichkeit der Taten und die Konfrontation mit Menschen, die so durchdrungen sind vom Wunsch zu töten, liefern ausreichend Stoff für Alpträume. Heiner Gatzemeier, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschehen, empfiehlt, „Maske des Bösen“ Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren nicht zu zeigen. Gewalt- und Sexualfantasien seien „Teil des menschlichen Wesens“, sagt der Psychiater Michael Osterheider, bis vor kurzem Leiter der Eickelborner Anstalt.

Am Ende, im dritten Teil, stellt das ZDF die Frage, ob Sexualstraftäter therapiert werden können. Darf man einen Konstantin N. freilassen, der zwei ältere Frauen ermordete und sich in einem Fall an der Leiche verging? Scholz und Müller zeigen auf, wie schwer es trotz allem ist, hierauf eine Antwort zu finden: Die Taten sind 15 Jahre her, Konstantin N. hat eine Verlobte und hofft, in einigen Jahren in Freiheit eine eigene Familie zu gründen. Jeder, der hier nicht mitentscheiden muss, darf sich glücklich schätzen.

„Maske des Bösen“, ZDF, heute und morgen um 22 Uhr 45, am 13. Januar um 23 Uhr

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