Medien : Hinterm Urinal geht’s weiter

„Anke Late Night“: Frau Engelkes rätselhafte erste Show als Nachfolgerin von Harald Schmidt

Harald Martenstein

Anke Engelke kann gut Leute nachmachen. Das wusste man schon. In ihrer ersten Late-Night-Show hat sie zum Beispiel Lisa Fitz nachgemacht. Das war lustig. Der Rest war nicht so toll.

Die Struktur ihrer Sendung gleicht ziemlich genau der „Harald Schmidt Show“ – ein paar Worte zum Tage, ein paar vorbereitete Filmchen, dann Gäste. Rechts ein Schreibtisch. Links ’ne Band. Die Witze, die den Gagschreibern eingefallen sind, waren allerdings von erbarmungswürdiger Schlichtheit, dazu meistens ein bisschen schlüpfrig. „Pkw-Maut ist wie Straßenstrich ohne Sex“. Super! „Die männlichen Vorbilder sind gar nicht weg, die machen nur eine Kreativpause.“ Wahnsinn! Holländische Urinale waren zu sehen, mit Rudi-Völler-Porträts darin, auf die der Holländer pinkelt. Holländer pinkeln auf Völler! Zum Totlachen! In einem der Einspielfilme fängt Angela Merkel, eher schwach imitiert von Engelke, damit an, sich zu entkleiden. Jemand ruft „tut doch was!“, Merkel wird aus dem Bild gezogen. Nur schöne Frauen wolln wir nackt sehen, falleri, fallera. Früher sagte man zu so etwas „Stammtisch“, wie nennt man es heute? Ist „Spießerschwachsinn“ okay?

Anke Engelke trug den Spießerschwachsinn mit mumienhaftem Blick, Zeitlupenzunge und Bernd-das-Brot-Mimik vor, die Kommunikation mit dem Publikum und das Timing klappten überhaupt nicht, wie überhaupt alles Spontane nicht klappte.

Bei den Interviews sitzen die Gäste jetzt gemeinsam auf einem Sofa. Zuerst kam Bastian Pastewka und machte Reklame für den Film „Der Wixxer", eine Edgar-Wallace-Parodie, in der, so ein Zufall, auch Anke Engelke mitspielt. Dieses Eigenwerbungsinterview war das längste und recht unergiebig. Danach kam der Musiker Sting, den Engelke eigentlich nur fragte, wie sein Sexualleben während der langen Tourneen funktioniert. Danke, es funktioniert ganz gut, sagte Sting. Zuletzt kamen Stefan Raab und sein Max, aber da war die Zeit schon fast um. Es waren zu viele Gäste und zu uninteressante Fragen. Den einzigen wirklich guten Witz der Sendung liefert Pastewka, der, warum auch immer, mit verbundenen Augen einige Gegenstände durch Tasten erraten sollte. Als er Orchideen bekam, sagte Engelke: „Jetzt kannst du dich als echter Frauenkenner outen.“ Pastewka, an den Orchideen herumfingernd: „Mutter, bist du’s?“ Selbstironischen Charme besaß auch ein Auftritt von Roger Willemsen als Intellektuellenroboter „Klugscheißer“, der auf Knopfdruck Fremdwörter ausspuckt.

Alle Zeitungen besprechen diese Sendung, die sich im Grenzbereich des gerade noch Erträglichen bewegte – das meistüberschätzte Fernsehereignis des Jahres. Denn es kommt auf die erste Ausgabe nicht wirklich an. Die Qualität einer solchen Show zeigt sich im Dauerbetrieb, Harald Schmidt hat auch schwach angefangen, Engelke wird dazulernen und lockerer werden, denn doof ist sie auf gar keinen Fall, das alles stimmt und relativiert die Verrisse. Anke Engelke bringt eine große und vermutlich treue Fangemeinde mit zu Sat 1, da werden die Quoten schon nicht allzu schnell sinken.

Die Quoten: So muss Engelke denken. Harald Schmidt war ein Guru geworden, eine Art Fernseh-Gott, weil er nicht mehr an die Quote dachte (oder zumindest so tat). Schmidt sah frei aus. Er vernichtete Sendezeit. Engelke ist nicht frei. Ob sie es überhaupt sein möchte, ob sie „Zotenqueen“ oder „Ulknudel“ oder eines Tages sogar ein Symbol für irgendwas sein wird, das wissen wir nicht und – wetten? – sie selber weiß es auch nicht.

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