Medien : Hip-Hop, kein Säbeltanz

Zu amerikanisch? Zu sexy? Zu vulgär? Das neue Musikfernsehen MTV Arabia geht auf Sendung

Andrea Nüsse[Dubai]

Ismak, Omrak, Aslak? Der Hip-Hop-Produzent Fredwreck alias Farid Nassar schiebt seine verkehrt herum aufgesetzte Schirmmütze zurück und schaut den Kandidaten fragend an, der sich in dem kleinen Studio eingefunden hat. Name, Alter und Herkunft kann der 19-jährige Walid aus Algerien gerade noch auf Arabisch angeben, doch dann muss er passen: „Ich spreche kein Arabisch, ich bin in Dubai aufgewachsen.“ Seinen Song, mit dem der schlaksige, junge Mann in Jeans und schwarzem T-Shirt sich für die Talentshow beim neuen Jugend-und Musiksender MTV Arabia bewirbt, trägt er auf Englisch vor. Von den zehn Kandidaten, die bisher in dem Studio in einer Medienhochschule in der Knowledge City in Dubai angetreten sind, hat nur einer auf Arabisch gesungen. Ein Palästinenser hat sogar auf Deutsch getextet. Fredwreck ist dennoch zufrieden. „Sie sind trotzdem Araber und leben in der arabischen Welt“, meint der Mann, der selbst palästinensischer Herkunft ist, aber in den USA wohnt und als Produzent und Texter von Hip-Hop-Größen wie 50 Cent und Snoop Dogg bekannt wurde.

Jetzt leitet er die Talentshow „Hip Hop Na“ für den Sender MTV Arabia, der am 17. November von Dubai aus auf Sendung gehen wird. Hip-Hop existiert in der Region zwar, wird aber auf den arabischen Musiksendern kaum gespielt – zu amerikanisch. „Alles Quatsch“, findet Fredwreck, „Hip-Hop ist eine wahrhaft universelle Ausdrucksmöglichkeit.“ Die Show, bei der in Beirut, Kairo, Dubai und Jeddah nach lokalen Talenten gesucht wird, bezeichnet der Sender als ein „Flaggschiff“ seines Programms, das sich an 190 Millionen junge Menschen in der arabischen Welt richtet.

Marwan Kaiss ist sich des Problems, dass in Dubai kaum arabischsprachige Jugendliche zu finden sind, bewusst. Er ist Produzent der Talentshow und gehört zum Team der 18 Mitarbeiter aus der gesamten arabischen Welt, die das neue MTV-Programm mitentwickeln. „In Beirut und Kairo hatten wir dieses Problem natürlich nicht“, erklärt der 29-jährige Libanese fast entschuldigend. Aber was unterscheidet die arabische MTV-Version von der Original-Ausgabe, wenn dort 60 Prozent der Musikvideos internationale Stars zeigen, und in einigen Sendungen sogar 70 Prozent auf Englisch gesprochen werden soll? Wenn Formate wie „Pimp my Ride“ oder „Cribs“ original vom Muttersender übernommen werden? Wenn selbst eines der „Gesichter“ des Senders, der 23-jährige Moderator Mohammed, zwar im saudischen Jeddah geboren, aber in den USA und Großbritannien aufgewachsen ist und bis vor einem Jahr in Paris studiert hat?

„Wir zeigen arabische Jugendliche in ihrem Umfeld, mit ihren Wünschen und Träumen“, insistiert Kaiss. So bei der lokalen Version von „Made“, bei der ein Coach einem Jugendlichen hilft, einen Traum zu verwirklichen. Auch die Formate „Bario 19“, in dem Underground-Künstler vorgestellt werden, und „Boiling Point“, in dem Schauspieler ein „Opfer“ in unangenehme Situationen bringen und dessen Nerven testen, werden mit arabischen Jugendlichen vor Ort produziert. „Wir wollen die Leute nicht schockieren, sondern für die gesamte Familie akzeptabel sein“, erklärt Kaiss mit Blick auf die zentrale Rolle, die Familie in der Region spielt. Das heißt auch: Aus internationalen Musikvideos werden Nackt- oder Bettszenen herausgeschnitten. „Wir gehen verantwortungsvoll mit unserer arabischen kulturellen Identität um und wollen Vulgarität vermeiden“, beschreibt er die Philosophie des Senders. Damit wolle sich MTV Arabia aber nicht nur von der amerikanischen Version unterscheiden, sondern vor allem von existierenden arabischen Musiksendern wie Rotana und Melody. „Dort laufen den ganzen Tag Musikclips mit arabischer Pop-Musik, in denen Starletts, die meist weder singen noch tanzen können, halbnackt und in sexy Posen vermarktet werden.“ Das spreche vielleicht Männer zwischen 40 und 50 Jahren in Saudi-Arabien an, aber nicht die Zehn- bis 29-Jährigen, die MTV Arabia erreichen wolle. „Unsere Jugend ist deprimiert, zerrissen, wir wollen zeigen, dass sie sich ausdrücken und positiv an der Globalisierung teilhaben kann.“

Anders als diese arabischen Musiksender will MTV Arabia daher nicht nur Musikvideos zeigen, sondern Lifestyle- und Unterhaltungssendungen bieten. Die Website des Senders soll viele interaktive Elemente erhalten, so dass die Zuschauer teilweise selbst die Musikprogrammierung bestimmen, ihre Kritik loswerden und chatten können. „Der Sender soll eine Plattform für die arabische Jugend sein“, lässt selbst der Geschäftsmann Abdullatif al-Sayegh verlauten, Chef der emiratischen Arab Media Group, lokaler Partner des MTV-Mutterkonzerns Viacom, der ab 2008 auch den Kindersender Nickelodeon auf Arabisch starten will. Angeblich soll die Gruppe fünf Jahre lang jährlich sechs Millionen Dollar für die Lizenz für MTV Arabia bezahlen. Doch der arabische Ableger des amerikanischen Musiksenders ist voraussichtlich auch der lukrativste weltweit: Zwei Drittel der Bevölkerung in der arabischen Welt sind unter 30 Jahre alt. Neben Werbeeinnahmen setzte man auch auf ein gutes Geschäft im SMS-Business.

Noch sitzen die kreativen Macher von MTV Arabia in einem gesichtslosen Großraumbüro in der Industriezone Al Quoz in Dubai, in einem Flachbau zwischen rund um die Uhr arbeitenden Betonmischanlagen und Herstellern von Fußbodenbelägen. Doch aus nagelneuen Toyota-Landcruisern werden stapelweise nagelneue Samsung-Flachbildschirme und Laptops ausgeladen. In sechs Monaten soll die Mannschaft eigene Räume in der Studio City beziehen. Um von hier aus die Internationalisierung der arabischen Jugend voranzutreiben.

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