Hiroshi Nahara : Berühmt durch Rumsitzen

Touristen kommen extra zum Flughafen von Mexiko-Stadt, um den nicht gerade fotogenen Asiaten zu knipsen. Warum der in Mexiko gestrandete Hiroshi Nahara ein Medienphänomen ist.

Sandra Weiss[Mexiko-Stadt]

Eine halbe Stunde hat Consuela Montenegro noch Zeit, bis ihr Heimflug nach Tuxtla Gutierrez in Südmexiko geht. Bis dahin vertreibt sie sich die Zeit in einem der Schnellrestaurants am Flughafen in Mexiko-Stadt. Plötzlich nimmt sie sich ihren Fotoapparat, knipst zunächst schüchtern aus der Ferne, dann nähert sich die Mexikanerin dem Objekt ihrer Begierde: einem Japaner mit zotteligem Bart, fransigen Haaren mit verwaschenem Rotstich und einem fleckigen Wollmantel. „Foto?“, fragt Consuela Montenegro vorsichtig und zeigt zuerst auf ihre Kamera, dann auf den nicht gerade fotogenen Asiaten am Plastiktisch.

Hiroshi Nahara lächelt freundlich und lässt sich von ihr ablichten. Montenegro ist glücklich. „Da wird sich mein Enkel aber freuen. Er hat in der Zeitung von Ihnen gelesen und wollte unbedingt ein Foto haben“, sagt die Frau dem Japaner, der kein Wort spanisch versteht. Solche Begegnungen erlebt Nahara hier am Flughafen nun schon seit drei Monaten. Ist er eine verkleidete Berühmtheit? Ein verkappter Künstler, der die Knipswut seiner Leute auf die Schippe nimmt? Ein Medienphänomen? Ein Verrückter?

Die Flughafenverwaltung neigt zu letzterer These. Anders kann sich Flughafensprecher Victor Mejia nicht erklären, wie jemand diesen ungastlichen Durchgangsort zu seinem Domizil erklärt. Aber da Naharas Papiere in Ordnung sind, er bis März eine gültige Aufenthaltsgenehmigung hat und sich noch nie jemand über ihn beschwert hat, sind Mejia die Hände gebunden. Er sorgt sich allerdings um die Gesundheit des Japaners, der hauptsächlich herumsitzt und sich von Fastfood ernährt. „Jemand, der klar bei Sinnen ist, macht so was doch nicht“, glaubt er. Die Behörden haben Interpol eingeschaltet, um herauszufinden, ob es sich um einen Straftäter, einen Irren oder um einen Nachahmer von Tom Hanks in dem Film „Terminal“ von Steven Spielberg  handelt. Fehlanzeige. Den Behörden und psychatrischen Einrichtungen in seiner Heimat ist Nahara kein Begriff. Den Film scheint der Japaner nicht zu kennen. Und im Gegensatz zu Hanks, der wegen einer ausbrechenden Revolution auf dem Flughafen gefangen bleibt, könnte Hiroshi Nahara jederzeit zurück: Er hat ein Rückflugticket, täglich gibt es Verbindungen in seine Heimat.

Warum er nach der Ankunft seines United-Flugs von Tokio über Los Angeles nach Mexiko am 2. September auf dem Flughafen blieb, ist unklar. Seine Koffer meldete Hiroshi verschwunden – allerdings erst, nachdem er einige Tage auf dem Flughafen verbracht hatte und von den Behörden ausgefragt wurde. Die Koffer seien in Mexiko angekommen und auch abgeholt worden, erklärt dagegen eine Sprecherin der Fluglinie. Der 41-Jährige bemüht sich gar nicht darum, die vielen Ungereimtheiten zu klären, die ihn so interessant machen. Nahara pflegt das Mysterium – gerade das macht ihn interessant in einer hypermediatisierten Welt, in der alles sichtbar gemacht und offengelegt wird.

Schon nach wenigen Tagen wurden die Korrespondenten auf den seltsamen Dauergast aufmerksam. Einer schrieb eine kleine Notiz für die nationale Agentur. Dann kamen die Zeitungen, das Fernsehen, ausländische Korrespondenten, sogar aus Tokio flog ein Fernsehteam ein. Mit einem Schlag war der hagere Mann berühmt – fürs Rumsitzen.

Daniel Takeda, ein Nippo-Mexikaner, der als Pilot arbeitet, meint, das Geheimnis um Nahara gelüftet zu haben: „Es ist eine Art Protest gegen die anonyme Leistungsgesellschaft in Japan“, erklärt er. „Dort war er niemand, hier ist er berühmt.“ Auch wenn der Mann aus Tokio dafür den ganzen Tag herumsitzen und Fastfood essen muss. Ein Gefangener seines eigenen Ruhms sozusagen. Seinen Landsleuten ist er deshalb peinlich. Eine „Schande für Japans Image“ sei er, sagt ein Angestellter der Fluglinie Japan Airlines.

Ein japanischer Unternehmer hat herausgefunden, dass Nahara in Japan Gelegenheitsarbeiten nachging – unter anderem bei einer Reinigungsfirma. Die Botschaft hat ihn zur Rückkehr in die Heimat gedrängt, ein edles Hotel angeboten – doch er lehnte ab. Ihm gehe es gut und Mexiko gefalle ihm.

Kein Wunder, die Restaurant-Mitarbeiter umsorgen den exotischen Gast gern. Besonders Rosalia Silva vom Schnellimbiss „Hipocampo“ hat ihn ins Herz geschlossen. Für sie ist der gestrandete Japaner „eine Art Adoptivsohn“, dem sie die Kleider wäscht. Mehrmals am Tag erkundigt sich die mütterliche ältere Dame mit Gestensprache nach seinem Befinden und gibt ihm etwas ab vom Angestelltenessen. Auch der Sicherheitsbeamte Edgar Coyote kennt die Marotten seines Dauergastes längst und wirft einen Blick auf dessen Tüten, wenn Hiroshi Nahara im Bad verschwindet. Doch Naharas Ruhm hat ein Verfallsdatum: Am 2. März läuft sein Visum ab, dann wird er abgeschoben. Das haben die Behörden angekündigt.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben