History : Staubsauger der Geschichte

Die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte wird 25. Das Fernsehen hat seinen Frieden mit Guido Knopp gemacht.

Kurt Sagatz
ZDF-History
In Szene gesetzt: ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp. -Foto: ZDF

25 Jahre sind eine lange Zeit für eine Fernsehredaktion, besonders wenn der dazugehörige Sender erst in zwei Jahren sein 50-jähriges Bestehen feiern kann. Aus historischer Sicht jedoch, und damit beschäftigt sich die von Guido Knopp 1984 gegründete ZDF-Redaktion Zeitgeschichte, ist ein Vierteljahrhundert hingegen eine sehr kurze Zeitspanne. „Wir müssen als Nation verstehen, woher wir kommen, um zu wissen, wohin wir gehen“, so versteht jedenfalls ZDF-Intendant Markus Schächter den Auftrag an die Redaktion Zeitgeschichte. Sie habe dabei eine eigene Kunstform der Dokumentation geschaffen, die inzwischen in 150 Ländern und 40 Sprachen verstanden werde. Über 1000 Sendungen hat die Redaktion seither erstellt. Wichtig sei die hohe Zahl von Eigenproduktionen, die jedes Jahr um weitere 70 wachse. Für ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ist die Bilanz vor allem deshalb so beachtlich, weil mit den Sendungen viele Menschen erreicht worden seien, „die vorher einen weiten Bogen um Geschichte gemacht haben“, so dass sich das Angebot tatsächlich an alle richte – „von Golo Mann bis Lieschen Müller“.

Die Deutschen haben sich häufig nicht nur mit ihrer eigenen Geschichte schwergetan, auch mit Guido Knopp als Geschichtslehrer der Nation haben sie lange gehadert. Die Knoppisierung des Fernsehens, das Histotainment – diese Mischung aus Geschichtsfernsehen und Unterhaltung –, die immer gleichen Einstellungen von Zeitzeugen vor schwarzem Hintergrund, aber vor allem die schier unendliche Liste von Dokumentationen zum Nationalsozialismus und Adolf Hitler hatten alsbald zu einer Übersättigung geführt. Mitte der 90er Jahre, also fünfzig Jahre nach dem Kriegsende, erlebte das „Dritte Reich“ eine ungeheure Medienpräsenz, an der die Redaktion von Guido Knopp einen gewichtigen Anteil hatte: Nach der sechsteiligen Reihe „Hitler – Eine Bilanz“ kamen „Hitlers Helfer“ an die Reihe. In einer ersten Runde (1996) wurden Hess, Dönitz, Goebbels, Göring, Himmler und Speer abgehandelt, später (1998) folgte mit Bormann und Eichmann, mit Freisler und Mengele die Exekutive des Grauens. Im gleichen Jahr gingen Hitlers Krieger auf Sendung. Seine Frauen mussten bis 2001 warten. Nicht zu vergessen die Dokus zum Zweiten Weltkrieg.

Gleichwohl sollte man die Bedeutung dieser ZDF-Redaktion nicht unterschätzen. Sebastian Haffner hat in seinen Büchern die Geschichte analysiert, interpretiert, und dabei Zusammenhänge so herausgearbeitet, dass der Leser das Gefühl hatte, die Welt etwas besser zu verstehen. Guido Knopp nun hat die historische Chance gesehen und genutzt, Geschichte mit Zeitzeugen zu erzählen, er hat Oral History aufs Fernsehen übertragen. Tempus fugit – die Zeit flieht, Knopp und seine Redaktion haben viele Menschen dazu bewegt, vor der Kamera ihre Geschichte zu erzählen und damit für die Nachwelt festzuhalten.

Das Knopp’sche Geschichtsfernsehen wurde mit zahlreichen Preisen wie dem Bayerischen, dem Deutschen und dem Europäischen Fernsehpreis, der Auszeichnung des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Los Angeles und einem International Emmy überhäuft, zugleich stand es immer auch in der Kritik. Zu seicht, zu undifferenziert, zu unkritisch, lauteten die häufigsten Vorwürfe. „Unser Auftrag lautet, Resultate der Wissenschaft für ein Millionenpublikum darzustellen, eben auch Brücken zu schlagen zwischen den Universitäten und den Zuschauern“, kontert Knopp diese Kritik. Und er gibt selbst ein Beispiel, wie Geschichte durch Anekdoten interessant wird. 1990 organisierte seine Redaktion im Kreml eine Diskussionsveranstaltung mit Valentin Falin, Rainer Barzel, Egon Bahr und anderen. Diese Diskussion sollte im Katharinensaal stattfinden, was zuvor niemandem gelungen war. Das hatte einen einfachen Grund, über den bloß niemand reden wollte: Es fehlten Staubsauger zum Reinigen. Nachdem das ZDF mehrere Geräte organisierte, konnte die Übertragung aus dem Katharinensaal stattfinden. Im Kreml haben seither mehrere Präsidenten regiert, „doch die Staubsauger der Geschichte arbeiten immer noch“, erinnert sich Guido Knopp.

Das Fernsehen hat längst seinen Frieden mit dem ZDF-Chefhistoriker gemacht. Sicherlich auch, weil nach der Überproduktion zum Nationalsozialismus Arbeiten wie „Die Deutschen“ oder „Das Wunder von Bern“ das Bild gerundet haben. Vor allem aber haben die Wissenssendungen des Privatfernsehens, allen voran „Galileo“, gezeigt, dass der Begriff „reißerisch“ nicht zu den Knopp-Produktionen passt.

„ZDF-History – Best of History“, Sonntag, 23 Uhr 30 und „ZDF-History XXL: Die lange Nacht der Zeitgeschichte“ ab 1 Uhr 20, beides im ZDF.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben