Medien : Hitler, das Kind

US-Produktion gibt dem Nazi-Führer ein bisschen Jugend

Malte Lehming

Es ist Sonntag, der Spielfilm ist vorbei, es beginnen die 23-Uhr-Nachrichten. Die erste Meldung beschäftigt sich mit den Anschlägen in Israel. Dann kündigt der Sprecher einen Beitrag aus Deutschland an. Wir sind auf CBS, einem großen US-Network. Sicher habe der Zuschauer gerade den ersten Teil einer insgesamt vierstündigen Serie über Hitler gesehen, sagt der Moderator, da stelle sich automatisch die Frage, wie es heute in Deutschland aussehe. „Kann es dort wieder einen Hitler geben?“ Es folgen zwei Informationen: Erneut steige die Zahl der Arbeitslosen – und der Neonazis. Doch zum Glück verdrängen die meisten Deutschen ihre Vergangenheit nicht. Außerdem soll in Berlin ein Holocaust- Mahnmal gebaut werden. Ein zweiter Hitler sei unwahrscheinlich. Wir schlafen trotz der beruhigenden Analyse unruhig ein.

Kein Hitler ohne Pädagogik, kein Hitler ohne Gebrauchsanleitung: Diese ehernen Gesetze jeder Darstellung des „GröFaZ“ gelten auch in den USA. Um absolut sicher zu sein, dass niemand versehentlich die moralischen Seiten wechselt, wird im Vor- und Abspann der zweiteiligen Serie („Hitler: The Rise of Evil“) das berühmte Zitat von Edmund Burke eingeblendet: „Damit das Böse triumphieren kann, ist es nur nötig, dass die guten Menschen nichts dagegen tun“. Kein Zweifel: Die Produzenten haben alles getan, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.

Herausgekommen ist ein guter, braver, teils packender Film, der mit mehr Mut eine Sensation hätte sein können. Denn das Sujet ist spannend: Mit der Kindheit und Jugend Hitlers haben sich die populären Medien bislang kaum befasst. Dabei war auch Hitler einmal klein, er hat in die Hosen gemacht, sein Vater, ein Trunkenbold, hat ihn oft verprügelt, er hat gelacht, geweint, klassische Musik geliebt, sich als Maler versucht und unbeholfen pubertiert. Darf man das zeigen? Oder „vermenschlicht“ ihn das? Der Film weicht einer Antwort aus. Die Kindheit und Jugend Hitlers wird durchrast. Bereits nach zehn Minuten ist er ein junger Mann, kein „Faszinosum“, sein Charakter als der eines ehrgeizigen, antisemitischen Psychopathen etabliert.

Im Vorfeld hatte es Proteste gegen den Film gegeben. Hitler als unschuldiges Kind und aufsässiger Teenager, von seiner Adoleszenz an von dem hervorragenden Schauspieler Robert Carlyle gespielt, der charismatisch, manchmal attraktiv wirkt – hinter diesem Konzept wurde Banalisierung befürchtet, zu viel Nähe und Empathie. Diese Sorgen erweisen sich als unberechtigt. Ein Experten-Trio, zwei Professoren und ein Rabbiner, stand den Produzenten beiseite. Streng achtete es auf historische Genauigkeit und moralische Eindeutigkeit. Wir wollen aufklären und unterhalten, aber zu viel verstehen, heißt womöglich zu viel verzeihen: Dieses Dilemma blieb ungelöst. Weil CBS zu viel Angst vor der eigenen Courage hatte, darf das Publikum Hitler nur ein bisschen näher kommen. Dieses Bisschen lohnt bereits.

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