Medien : Hochkultur entdeckt Blogger

Das Deutschlandradio auf Nachwuchssuche im Netz

Marc Felix Serrao

Das Deutschlandradio auf Nachwuchssuche im Netz Ernst Elitz ist ein feiner Herr: Das Einstecktuch passt zur Krawatte, der Riesling zur Vorspeise, und auch sonst ging es am Mittwochabend in der Sommerbar des Berliner Restaurants „Borchardt“ wieder sehr gediegen zu, als der Intendant des Deutschlandradios zur jährlichen Lagebesprechung bat. Vor dem Spanferkelrücken in Korianderjus präsentierte man das Europaprogramm ’07, nach dem Zitrusfruchtragout erklärte der Intendant den öffentlich-rechtlichen Rundfunkorchestern seine Liebe. Das anwesende Feuilleton nickte, lächelte und nahm noch einen Happen.

Dann sprach Programmdirektor Günter Müchler, ein graumelierter Herr im schweren Cordsakko, über „unser Zukunftsthema“ – und die Stimmung schlug prompt um: „Ich verstehe eure Neugier nicht!“, polterte Eckhard Fuhr los. Der Kulturchef der „Welt“, sonst ruhig wie ein Jäger auf der Pirsch, warnte die Herren Müchler und Elitz eindringlich vor „Tanzböden des Irrsinns“ und Leuten mit „Kampfnamen“. Kein Wunder: Das „Zukunftsthema“ des Deutschlandradios ist etwas, das konservativen Kulturfreunden den kalten Schweiß auf die Stirn treibt – Blogger.

Ganz richtig, Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur suchen die Allianz mit jener Gegenöffentlichkeit, die klassische Medien gerne als gleichgeschaltete Lügenmafia verunglimpft. Laut Müchler müsse man junge Hörer da abholen, wo sie sich aufhielten: im Internet. „Fragen Sie mal einen 20-Jährigen, ob er das Deutschlandradio kennt!“, rief er in die schwarz gekleidete Runde. „Die kennen, wenn überhaupt, nur unser Blogspiel.“ Das „Blogspiel“, seit November im Netz und dort in den höchsten Tönen gelobt, lädt Internetnutzer ein, eigene Audiobeiträge hochzuladen. Der Meistgewählte wird samstags bei Deutschlandradio Kultur gespielt. 2007 soll der zweite Testballon folgen: Im „Euroblog“ will der Deutschlandfunk das Netz zur Diskussion über die EU bitten. Keine Angst vor Beleidigungen, wie sie bei politischen Themen unter Bloggern üblich sind? Müchler: „Keine Bange, wir gucken uns die Leute genau an.“

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