Medien : Hochmut ohne Fall

Der Kommissar und die Millionärsgattin: Jürgen Vogel und Iris Berben im ZDF-Krimi „Duell in der Nacht“

Sonja Pohlmann

Als er die heiße Dusche bekam, war der Mann schon tot. Sein Mörder hat ihn mit 56 Grad warmem Wasser abgespült, um alle Spuren zu verwischen. Jetzt liegt er blutüberströmt in der Badewanne des einfachen Hotels. Rainer Mettich heißt er, früher war er Polizist bei der Frankfurter Polizei, wo gerade Jonas Birke (Jürgen Vogel) seinen neuen Job im Mordkommissariat angetreten hat. Er soll den Mord aufklären, mit Hochdruck. Eine Nacht gibt ihm sein Vorgesetzter Hans Joachim Lehm (Peter Lerchbaumer) dafür, dann soll der Täter der Presse präsentiert werden. Lehm braucht dringend gute Nachrichten, denn die Frankfurter Polizei steht unter Korruptionsverdacht. Wen Birke festnehmen soll, weiß Lehm auch schon: Wolfram Ernst (Uwe Kockisch), einen vorbestraften Kriminellen. Birke findet solche Methoden ungewöhnlich – und macht sich entsprechend skeptisch ans Verhör. Es kommt zum „Duell in der Nacht“, beim dem die Mitspieler nicht immer das sind, was sie zu sein scheinen.

Das Buch zu diesem wendungsreichen ZDF-Krimi schrieb Daniel Nocke. Zusammen mit Regisseur Matti Geschonneck ist ihm ein ungewöhnlicher Kammerspielthriller gelungen, der mit seiner hochkarätigen Besetzung zu den Krimi-Highlights des Jahres gehören dürfte. Nicht nur die mehrschichtig angelegten Figuren, sondern auch die Konzentration auf die Szenen der Verhöre machen diesen Film zu einer Besonderheit.

So wird beim „Duell“ auf rasante Verfolgungsjagden ebenso verzichtet wie auf durch die Stadt irrende Ermittler. Stattdessen dreht sich der Krimi um zwei zentrale Orte: Das Kommissariat der Frankfurter Polizei und ein vornehmes Hotel, wo Birke später die wahren Strippenzieher des Mordes finden will.

Zunächst befragt er in dem mit einem Tisch und wenigen Stühlen dunkel und schlicht eingerichteten Vernehmungsraum der Polizei zusammen mit seiner Kollegin Mechthild Adler (Ina Weisse) den Verdächtigen Ernst zur Tatnacht. Ganz nah ist die Kamera hier bei dem mutmaßlichen Mörder, der verzweifelt versucht, den Verdacht von sich abzuwenden. Kockisch, bekannt als Kommissar Brunetti aus der ARD-Reihe „Donna Leon“, verkörpert hier die Rolle eines Kriminellen, der ein doppeltes Spiel treibt. Hat man zunächst fast Mitleid mit dem scheinbar glaubwürdigen Ernst, zeigt sich später, dass seine Verzweiflung trügt. Tatsächlich hätte er ein Motiv für den Mord: Mettich brachte ihn vor einigen Jahren hinter Gitter, und Ernst kündigte an, sich rächen zu wollen. Im Verhör präsentiert er jedoch ein überraschendes Alibi. Er will die Nacht mit Isabel Wellingsen (Iris Berben) verbracht haben, einer der prominentesten Frauen der Stadt und mit dem wohlhabenden Immobilienmakler Ludwig Wellingsen (Thomas Thieme) verheiratet. Während seine Kollegin das Alibi absurd findet, glaubt Birke dem Vorbestraften. Denn er hat herausgefunden: Mettich war kurz davor, gegen Korruption bei der Polizei auszusagen. Zahlreiche hohe Tiere aus Wirtschaft und Politik hätte diese Aussage den Kopf gekostet. Birke glaubt, dass der Mordauftrag von weit oben kam und seine Kollegen in den Fall verstrickt sind. Für die großen Mächtigen, vermutet Birke, soll Ernst nun als kleiner Mann einstehen.

Während Ernst von Birke verhört wird, gibt das Ehepaar Wellingsen in einem Hotel einen Empfang. Auch Lehm, Leiter des Mordkommissariats, ist eingeladen. Birke kommt als ungebetener Gast hinzu – um Isabel Wellingsen mit Ernsts Alibi zu konfrontieren.

Regisseur Geschonneck ließ sich für diesen Nur-eine-Nacht-Thriller vom Filmklassiker „Das Verhör“ von Claude Miller aus den 80er Jahren inspirieren. Als Kulisse des „Duells in der Nacht“ dient die glitzernde Welt der Frankfurter Skyline, ein Symbol für das Streben nach Geld und Macht. Weil dieser Krimi auf wenige Handlungsorte reduziert ist und sich auf die Verhörszenen konzentriert, stehen die Schauspieler umso mehr im Mittelpunkt. Jürgen Vogel ist stark in seiner Rolle als hartnäckiger Ermittler. Immer wirkt er konzentriert auf das Wesentliche: die Fakten, die er während des Verhörs herausfinden will. Präzise fängt die Kamera die angespannte Situation an den beiden Orten des Verhörs ein, so dass sich die Zuschauer auf die Figuren einlassen können. Die Gesichtszüge der Schauspieler verraten viel, aber nicht alles. Besonders Iris Berben strahlt hier ihre Lust an der Rolle der kapriziösen und intriganten Isabel Wellingsen aus. Mit süffisantem Lächeln, hochgezogenen Brauen und säuselnder Stimme tritt sie dem Kommissar gegenüber – der allerdings nicht ahnt, dass er selbst nur eine Figur in dem scheinbar perfekten Plan von Unternehmer Wellingsen und seinem Vorgesetzten Lehm ist. Ratlos macht jedoch der Schluss des „Duells“, denn ein klar abschließendes Ergebnis wird nicht präsentiert. Nur angedeutet wird, dass das Böse am Ende nicht besiegbar zu sein scheint.

„Duell in der Nacht“, ZDF, 20 Uhr 15

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