Hörbucher : Langohrhasen

20 Stunden und mehr? Hörbuchfans bevorzugen ungekürzte Lesungen

Kurt Sagatz

Der Wettstreit um den Titel des längsten Hörbuchs wird seit dem vergangenen Jahr nur noch sehr zurückhaltend geführt. Mit einer Länge von 139 Stunden auf 111 CDs hat die vollständige Vertonung von Marcel Prousts Werk „Die Suche nach der verlorenen Zeit“, in französischer Sprache, die Messlatte ganz weit nach oben gelegt. Selbst die Lesung der Bibel – Altes und Neues Testament zusammen – kommt „nur“ auf fast bescheidene 80 Hörstunden. In diese Regionen konnte das  Hörbuchportal Audible somit nicht vorstoßen, doch mit der Eigenproduktion des Neal-Stephenson-Romans „Cryptonomicon“ haben die Berliner zumindest im Download-Segment eine neue Wegmarke gesetzt. Um an die fast 48 von Detlef Bierstedt (der Synchronstimme unter anderem von George Clooney und Tom Hanks) gelesenen Stunden heranzukommen, müssen die Audible-Kunden mehr als ein Gigabyte Daten zuerst auf ihren Rechner und dann auf den MP3-Player laden.

Damit hat die zumeist männliche, häufig bereits etwas ältere Zielgruppe des Portals allerdings kein Problem: „Unsere Kunden schätzen besonders ungekürzte Lesungen“, weiß Michael Treutler, der Leiter der Programmentwicklung bei Audible.de. Im Internet haben dadurch auch längere oder eben genauso etwas ältere Bücher eine Chance. „Cryptonomicon“ (in Deutschland als Taschenbuch bei Goldmann erhältlich) stammt immerhin aus dem Jahr 1999. Bei Audible schaffte es der Stephenson-Roman bereits in der Startwoche auf den zweiten Platz der Verkaufscharts. Besser läuft derzeit nur die Lesung des neuen Dan-Brown-Thrillers „Das verlorene Symbol“, die mit 19 Stunden Dauer ebenfalls eine beachtliche Länge hat.

Während die Dauer der Hörbücher also weiter zunimmt, wird inzwischen beinahe „just in time“ produziert. Von der Planung bis zur Umsetzung eines Hörbuchs für den Download-Markt – bei dem, anders als bei der CD, auf das Pressen und Ausliefern der Datenträger verzichtet werden kann, vergeht gerade einmal ein halbes Jahr. Der größte Mangel besteht an guten und zugleich verfügbaren Sprechern. Die Studiokapazitäten lassen sich relativ einfach steigern, sei es durch die Optimierung der Auslastung. Die einzige Einschränkung hierbei ist, dass während einer Produktion das Studio nicht gewechselt werden darf. Selbst kleine Veränderungen der Akustik würden von den Hörern bemerkt werden.

Genaue Planung erfordert aber vor allem die Terminierung der Sprecher, die – wie auch Detlef Bierstedt – auch noch in den Synchronisationsstudios ihr Geld verdienen. Wie lang ein Hörbuch am Ende werden wird, dass wissen die Produzenten inzwischen recht genau. „Wir rechnen mit 1,85 Minuten je Buchseite“, sagte Michael Treutler dem Tagesspiegel. Und noch eine andere Zeit spielt eine Rolle: Die Dauer der Produktion. Bei „Cryptonomicon“ wurden 20 komplette Studiotage benötigt, gestreckt über einen Zeitraum von drei Monaten.

Besonders begehrt sind beim Berliner Hörbuchportal Titel, die gleich mehrere Genres bedienen. Neal Stephensons Roman „Cryptonomicon“ ist einerseits ein Wissenschaftsthriller, der sich ausführlichst mit dem im Internet-Zeitalter so wichtigen Thema Verschlüsselung beschäftigt. Eine Blütezeit erlebte die Kryptografie im Zweiten Weltkrieg – Stichwort Enigma –, sodass es sich zugleich um einen historischen Roman handelt, in dem mit Alan Turing auch eine reale Figur der Zeitgeschichte eine Nebenrolle spielt. Aber vor allem ist „Cryptonomicon“ ein Abenteuerroman, der die Lebensgeschichten diverser Personen in mehreren Generationen umfasst. Für das nächste Jahr stehen bei Audible mit „Snow Crash“ und „Diamond Age“ überdies zwei weitere Stephenson-Titel auf dem Spielplan.

Für die Hörer sind die langen Hörbücher allerdings vor allem auch durch die Abo-Modelle attraktiver geworden, die Portale wie Audible oder Libri.de eingeführt haben. Als Einzeltitel würde das Stephenson-Hörbuch fast 40 Euro kosten, Audible bietet es exklusiv für Abonnenten an – die für monatlich 9,95 Euro ein Hörbuch gratis beziehen. Jedes weitere Hörbuch kostet bei diesen Abo-Modellen maximal den gleichen Preis.

Nachdem „Cryptonomicon“ nun als Hörbuch veröffentlicht wurde, blicken die Sci-Fi-Fans unter den Hörbuchfreunden nun auf ein anderes Datum: In wenigen Tagen, am 3. Dezember, bringt der Hörverlag „Limit“ heraus, den neuen Roman von Frank Schätzing. Auch „Limit“ wird kein Hörbuch für Ungeduldige sein. Mit 20 CDs kommt der neue Schätzing immerhin auf über 28 Stunden Länge.

www.audible.de

www.hoerverlag.de

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