Hörbücher : Zeit zum Abschalten

Berlin ist die Stadt der Hörbücher. Mit Audible.de ist nun der größte Internetanbieter für gesprochene Literatur an die Spree gezogen.

Kurt Sagatz

„Sollte es hier nicht besser heißen: ,an der Stelle mit dem Kreuz‘ als ,an der Stelle mit dem X‘?“, unterbricht der Toningenieur Detlef Bierstedt. „Ich denke nicht“, erwidert Bierstedt, „ein Kreuz müsste anders aussehen“. Für den unbedarften Zuhörer kam die Unterbrechung völlig unerwartet. Die Atmosphäre im nagelneuen Aufnahmestudio bei Audible in Berlin ist angenehm ruhig, die Stimme von Hörbuchsprecher Detlef Bierstedt hat leicht hypnotisierenden Charakter. Man hat den Wunsch, ganz in die Geschichte zu versinken, die Umgebung komplett zu vergessen. Dem Tonchef darf das nicht passieren. „Etwas weniger Bewegung“, spricht er in sein Headset. „Hier sitzt auch nur ein Mensch“, sagt Bierstedt, der natürlich weiß, dass selbst das leise Rascheln seines Sommerhemdes nicht in die Aufnahme gelangen darf.

Detlef Bierstedt gehört zu den gefragtesten Hörbuchsprechern. „Ich habe in diesem Jahr bereits 75 Sprechtage zusammen“, sagt er. Hinzu kommt seine Synchrontätigkeit, ein neuer Film mit George Clooney soll in Kürze synchronisiert werden. Da muss die Stimme halten, auch wenn es Tage gibt, an denen „ich von zehn bis 24 Uhr aufnehme“. Die Nachfrage nach Sprechern, die vom Publikum auch für längere Hörbücher akzeptiert werden, wird immer größer. Daran trägt die Internetmarke Audible.de einen erheblichen Anteil. Als Hörbuchportal, von dem man die Titel herunterlädt, um sie dann auf einem iPod, einem anderen MP3-Player, Handy oder Computer anzuhören, spielt die CD als limitierender Faktor keine Rolle mehr. Audible, hinter dem in Deutschland unter anderem die Verlagsgruppen Holtzbrinck (auch Tagesspiegel), Lübbe und Random House stehen, und das neben den internationalen Titeln, auch 7000 deutsche Hörbücher von 175 deutschen Verlagen anbietet, hat sich dadurch sowie durch das besondere Abo-Modell vor allem zu einer Vertriebsplattform für ungekürzte Hörbücher entwickelt, erklärt Arik Meyer, Geschäftsführer des erst 2004 in Deutschland gestarteten Unternehmens. Diese Spezialisierung hat sich bewährt. „Bis wir die erste Millionen Hörbuch-Downloads zusammen hatten, hat es zweieinhalb Jahre gedauert. Das schaffen wir 2008 in einem Jahr“, sagt Meyer, dessen Plattform nach eigenen Angaben Marktführer bei den Download-Angeboten ist. Zum Vergleich: Die Zahl der verkauften Hörbücher auf CD liegt derzeit in Deutschland bei zehn Millionen pro Jahr.

Was macht Hörbücher und Hörspiele so beliebt? Dafür hat Oliver Rohrbeck eine leicht nachvollziehbare Erklärung: das immer schlechter werdende Fernsehen. „Zu laut, zu bunt, zu viel Werbung“, fasst er zusammen, was viele am Fernsehen als nervig empfinden. Oliver Rohrbeck muss es wissen. Seit 30 Jahren ist er Justus Jonas, der Chef der Jungdetektive aus der Hörspielreihe „Die drei ???“. Oliver Rohrbeck war an allen Folgen – gerade erst wurde Nummer 124 fertiggestellt – beteiligt. Hörspiele und Hörbücher sind Entspannung pur, sagt Rohrbeck, vergleichbar nur noch mit dem Kino. Je stressiger das Leben, desto größer der Wunsch, einfach mal abzuschalten – dieser Trend wird eher zu- als abnehmen, ist sich Rohrbeck sicher. Dass er damit nicht falsch liegt, zeigen seine eigenen unternehmerischen Aktivitäten. Seit 2003 betreibt er die „Lauscherlounge“, zuerst mit Live-Auftritten, seit 2005 auch mit eigenen Produktion im Hörspielstudio Xberg, das seit Anfang 2007 in einem nagelneuen Studio in der Kreuzberger Waldmarstraße residiert. Sein Ziel war es, als Produzent selbst die Richtung vorzugeben, denn so findig wie Justus Jonas ist der Unternehmer Oliver Rohrbeck als Produzent und Verleger mit inzwischen 14 Mitarbeitern schon lange.

Justus Jonas oder besser Oliver Rohrbeck ist gebürtiger Berliner. Auch Audible ist inzwischen ein Berliner Unternehmen. Vor wenigen Wochen zog es von München an die Spree, nach Mitte, vom Dachgarten ist der Reichstag zu sehen. München war gut für die Startphase, hier gibt es nicht nur viele Verlage, sondern auch die Altmeister des Hörbuchfachs, sagt Michael Treutler, Leiter der Audible-Programmentwicklung. „Berlin hingegen ist kreativer, hier tummelt sich die Sprecherszene, nicht zuletzt der Synchronsprecher aus West und Defa-Ost“

Wenn man Detlef Bierstedt im Studio hört, hat man das Gefühl, er habe einen Schalter umgelegt. Gerade noch hat er mit vernehmlichen Berliner Dialekt erklärt, dass er seine Zeit lieber angelnd im Brandenburgischen verbringt als vor einem Computer. Nun, vor dem Mikrofon, erscheint er wie ausgewechselt. Ein wenig hört man den George Clooney, dem Bierstedt als Synchronsprecher seine deutsche Stimme leiht. Auch Stark-Trek- Commander William T. Riker hört das geübte Ohr heraus. Aber sonst ist es die für Audible-Kunden vertraute Stimme, die die Feuerreiter-Fantasyreihe um den Drachen Temeraire von Naomi Novik vorliest oder Dan Simmons Sciene- Fiction-Serie Ilium & Olympos oder eben Thriller von Harlan Coben, dessen Buch „Kein böser Traum“ er gerade spricht.

Das Studio, in dem Bierstedt viele Stunden verbringt, heißt bei Audible kurz „Studio 3“. Nicht weil es das dritte Studio der Neuberliner wäre, sondern weil hier Oliver Rohrbeck seine erste Außenstelle neben seinen eigenen beiden Studios in Kreuzberg eingerichtet hat, um noch enger mit der Internetplattform zusammenzuarbeiten. Äußerlich könnte der Kontrast nicht größer sein. Das Kreuzberger Studio unweit des Engelparks befindet sich in der Dachetage eines alten Fabrikgebäudes, ein typischer Backsteinbau, zweiter Hinterhof, mit Efeu bewachsen, und mit einzigartiger Kiezatmosphäre samt Ponyhof in der Nachbarschaft. Das Schumann-Palais beeindruckt hingegen durch Größe und Lage in einer Stadt, die sich zur Hauptstadt der Hörbücher, Hörspiele oder Audio-Werbung entwickelt hat. Von den über 500 deutschen Hörbuchverlagen befinden sich nach Angaben des Börsenvereins des deutschen Buchhandels rund 50 in Berlin

Wer hier dauerhaft erfolgreich sein will, braucht absolute Professionalität. „Sowohl das Studio als auch der Regieraum mit der Tontechnik werden als Raum-im-Raum gebaut und müssen akustisch völlig voneinander entkoppelt werden. Dafür kommen unter anderem Puffer zum Einsatz, wie man sie von den Flüsterschienen für die Bahn kennt“, erklärt Oliver Rohrbeck. So dringt kein Geräusch von außen in das Studio, weder von der Schreinerei im Kreuzberger Domizil noch von einem Hubschrauber im Anflug auf das Regierungsviertel in Mitte. Auch innerhalb des Studios ist Geräuschdämmung erste Pflicht. Türen und Sichtscheibe sind Einzelanfertigungen. Es muss verhindert werden, dass sich die Schallwellen aufschaukeln. Mitunter wird in der Branche allerdings mehr auf die Geräuschentwicklung geachtet und der Sprecher vergessen. „Ich habe schon in ziemlich schlimmen Schränken gesessen“, erinnert sich Rohrbeck.

Eines der größten Probleme für Hörbuch- und Hörspielproduktionen ist allerdings nicht technischer, sondern juristischer Natur und betrifft den Erwerb der Rechte. Für aktuelle Buchneuerscheinungen werden die Hörbuch-Rechte häufig gleich mit ausgehandelt. Auch bei älteren Werken sind reine Hörbücher weniger problematisch. Zumeist muss hierfür nur mit einem Verlag oder einem Autor verhandelt werden. Schwieriger wird es bei Hörspielen. Hierfür benötigt man die Rechte von allen Beteiligten. Bei amerikanischen Titeln kommt erschwerend hinzu, dass die Rechte häufig an die Filmrechte gekoppelt sind. Das kann zu absurden Situationen führen. So wollte Rufus Beck ein Harry-Potter-Buch in Hamburg in einer Live-Session vorlesen. Dies wurde dem Sprecher der Harry-Potter-Hörbücher von Warner als Rechteinhaber des Films allerdings untersagt. Im rechtlichen Sinne hätte es sich um eine Aufführung gehandelt.

Apropos Aufführung: Oliver Rohrbeck und Detlef Bierstedt kann man durchaus live hören, zum Beispiel beim Finale der Tagesspiegel-Schiffstouren am 9. September. Auf der „Philippa“ lesen sie Auszüge aus Horst Evers Buch „Wedding – 27 Geschichten über die Perle unter Berlins Stadtteilen.“

www.tagesspiegel.de/schiffstouren

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