Hörstück : Die Tram, unser Leben

Wer sitzt heute neben mir? Das Kulturradio des RBB unternimmt Reisen mit der Straßenbahnlinie M10 und startet dazu ein Online-Experiment.

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Die Partylinie. Tram M10.
Die Partylinie. Tram M10.Foto: rbb/Ali Ghandtschi

Eine Straßenbahn und ihre Fahrgäste, so alltäglich und doch so besonders. Millionen sind täglich mit der Tram unterwegs, in Berlin und anderswo. Zur Arbeit, nach Hause, zum Kino, zur Verabredung, zum Fußballspiel. Die Tram „M10“ zwischen Warschauer Brücke und Nordbahnhof ist dann noch mal besonders. Sie gilt als Partylinie der Stadt, auch für stille Beobachter, für Autoren, prägend „für Geschichte und Gegenwart unserer Stadt“, wie es Jens Jarisch ausdrückt, Redakteur beim künstlerischen Wort im Kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) sowie Leiter eine neuen Hörstückserie, die sich mit Geschichten aus der Straßenbahnlinie M10 befasst.

„Wer sitzt heute neben mir?“ startet am Montag um 9 Uhr 45 und läuft werktags den ganzen Februar. Täglich fünf Minuten akustische Reise durch Berlin mit der Straßenbahnlinie M10, mit alltäglichen und außergewöhnlichen Geschichten, eingefangen von den Autoren Johannes Nichelmann, Jenny Marrenbach und Nadine Kreuzahler. Sie haben, unterstützt durch die BVG, auf der Strecke durch Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Mitte mit Menschen jeden Alters und unterschiedlicher Herkunft über die wichtigen Themen des Lebens gesprochen. Zu Wort kommen Emil, Gisela oder Marco, O-Töne und Atmo, zusammen ergibt sich daraus ein multiperspektivisches Klangbild, in dem sich ein Verkäufer einer Obdachlosenzeitschrift und ein Immobilienkaufmann flüchtig begegnen können.

M10: Die denkbar glaubwürdigste Bühne

Feature-Autor Jarisch, der zweimal den Prix Europa gewonnen hat, fährt selbst nur Fahrrad, aber er hat eine Zeit lang an der M10 gewohnt. „Zunächst halte ich die Metrotram und speziell die M10 für ein unterrepräsentiertes Wahrzeichen Berlins, sie hat Charme.“ Der Reiz, die Tram zum Vehikel einer Serie zu machen lege darin, dass diese Straßenbahnlinie es schafft, sowohl den erzählerischen Rahmen als auch den soziopolitischen Gegenstand zugleich zu liefern. „Die M10 steht für das Hier und Heute und auch für das voneinander isolierte Nebeneinander verschiedenster Menschen und ihrer jeweiligen Subkultur. Sie ist die denkbar glaubwürdigste Bühne.“

Lust auf Transit. Auch der WDR ist auf den Geschmack gekommen. Sein Format „Hier und Heute: Linie 107“ ist gerade für den Grimme-Preis nominiert worden. Darin haben die Autoren Fahrgäste beobachtet, sich mit ihnen unterhalten. Ein Film, in Schwarz-Weiß gedreht, konzentriert auf das Wesentliche.

Die Hörstücke über die Berliner M10 sind auch als Online-Experiment angelegt. Damit die Beiträge nicht nur die klassischen Hörer des Kulturradios erreichen, wird besonderer Wert auf die Webseite m-zehn.de gelegt, für diejenigen, die kaum noch konventionelles Radio hören wollen, sondern sich, sagt Jarisch, die akustischen Kicks im Netz holen. „Wer vorm Computer sitzt, ist meist gewohnt, aktiver zu rezipieren. Die zurückgelehnte Zuhörhaltung, die ich persönlich wunderschön finde, passt nicht immer gut zu den Surfbewegungen, mit denen online navigiert wird.“ Wer auf m-zehn.de geht, kann sich von Interesse und Vorlieben leiten lassen, „so entsteht für jede und jeden ein momentanes, individuelles Radiofeature, so tief, breit oder lang wie man will“. Die Stücke sind nach Themen („Meine Traumfrau“, „Meine Sehnsucht macht mich stark“ etc.) oder Personenporträts geordnet. Herausgekommen sind 24 Hörstücke aus der M10, ein kaleidoskopartiges Soziotop, vom überzeugten Kapitalisten bis zur systemkritischen Krankenschwester, vom Berlin der zwanziger Jahre bis zum nächsten Montag, von Vietnam bis Warschauer Straße. Leser, Hörer, M10-Fahrer, die sich angesprochen fühlen, können ihre Geschichten an die Macher mailen. Die Grundfrage lautet immer: Wer sitzt heute neben mir? „In der M10 begegnen sich alle zwar tatsächlich, doch in Wirklichkeit reden sie ja nicht miteinander.“

Diese Erfahrung, die Jarisch und seine Autoren bei der Recherche gemacht haben, teilen sie auch mit einem jungen Mann, über den vor ein paar Wochen im Tagesspiegel berichtet wurde. Weil dieser sich nicht traute, eine schöne Unbekannte in der Tram anzusprechen, ließ er sie fahren und versuchte dann, die Angebeteüber den vor ein paar Wochen im Tagesspiegel berichtet wurdte wiederzufinden. Er pappte selbst gemachte Plakate an jede Station der M10-Linie: „Hello Beautiful“.

www.m-zehn.de. Die Hörstücke laufen bis zum 28. Februar von Montag bis Freitag um 9 Uhr 45 im Kulturradio, Wiederholung 14 Uhr 10.

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