Medien : Hoher Besuch

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Das Interview-Duell von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Kanzlerkandidat Edmund Stoiber in „Bild“ und „Bild am Sonntag“ wird eine Veranstaltung sein, die an Exklusivität kaum zu übertreffen ist. Exklusiv, was den Ort anbelangt, exklusiv, was die journalistische Ausbeute durch die beiden Boulevardzeitungen angeht (siehe Seite 1).

Schon auf der Fahrt zum Springer-Hochhaus in die Kochstraße werden Stoiber und Schröder heute von jeweils einem Journalisten aus dem Berliner „Bild“-Büro begleitet. Wenn sie aus dem Auto steigen, werden sie von einer ganzen Reihe von Kameraleuten und Fotografen erwartet. Sie dürfen jedoch nur die Ankunft und die Abfahrt filmen, Zutritt ins Verlagsgebäude bekommen sie nicht. Drinnen werden die beiden Politiker mit dem Fahrstuhl in den 19. Stock fahren und kurz von Vorstandschef Mathias Döpfner begrüßt. Sie werden in die Bibliothek gehen, vorbei an einem Porträt-Gemälde, das den Verleger Axel Cäsar Springer zeigt.

Die 1966 eingeweihte Bibliothek mit dem Boden aus 200 Jahre alter Mooreiche und dem Holz aus dem früheren „Times“-Gebäude an den Wänden ist ein ganz besonderer Ort. Genutzt werden die Räumlichkeiten selten. Es muss schon ein ganz besonderer Anlass sein. Nixon war schon drin, Gorbatschow, auch Bush.

Schröder und Stoiber werden durch den lang gestreckten Raum gehen, vorbei an einem ziemlich verblassten, übergroßen Gobelin auf der rechten Seite, eine flämische Arbeit aus dem späten 18. Jahrhundert, die eine Landschaft mit Fasanen zeigt. Links, durch die Fensterfront, werfen sie einen Blick auf Berlin, das alte Zeitungsviertel, die Baustelle des Springer-Neubaus, den ehemaligen Mauerverlauf. Sie werden an den Bücherwänden, Bildern, vielen kleinen und großen Erinnerungen, die der Verlagsgründer hier sammelte, vorbeigehen in die so genannte kleine Bibliothek. Dorthin, wo reihenweise Bücher aus der Wallenberg-Sammlung und mehrere Uhren des Preußen-Verehrers Axel Springer stehen. Links, wo die Original-Handschrift von Alexander von Humboldt an der Wand hängt, direkt vor dem Kamin mit dem Goldspiegel darüber, werden die vier Sessel stehen. Hier wird das Interview geführt. Doch „Bild“ und „BamS“ wären nicht „Bild“ und „BamS“, würde es ihnen reichen, das 2000 Zeilen lange Interview zu drucken. Ein bisschen Inszenierung muss sein. „Bild“-Autor Norbert Körzdörfer, der in der blauen Sitzecke auf der rechten Seite der kleinen Bibliothek sitzen wird, wird das Treffen bereits in der „Bild“-Ausgabe von Sonnabend beschreiben, in seinem gewohnt blumig-staatstragenden Stil.Ulrike Simon

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