Medien : Holocaust: Ganz verbrennen

Kerstin Decker

August 1941, Bjelaja-Zerkov, Ukraine. Ein Mann hält zwei Frauen im Arm, seine Töchter. Sie sind die letzten. Auch sie sterben durch Genickschuss. Die letzten Juden von Bjelala-Zerkov? Nein, die Kinder sind noch da. "Wir erschießen nur von 14 bis zum Opa", sagt ein Schütze. Die Kinder bleiben zurück, ohne Wasser und Brot, eingesperrt in ein Haus am Stadtrand. Ein Divisionspfarrer erstattet Bericht: "Wir fanden in zwei Räumen etwa 90 ... Kinder im Alter von wenigen Monaten bis zu 5, 6 oder 7 Jahren ... Einige der größeren Kinder kratzten den Mörtel von der Wand und aßen ihn." Nach einer Woche kommt die SS. Die Kinder werden abgeholt, an eine Grube gestellt und erschossen.

Was ist das? Unsere Sprache hat ein sehr hilfloses Wort dafür. Sie nennt es schlicht Verbrechen. Aber stimmt das denn? Der Historiker, um genau zu sein, müsste sagen: Es war erst der Anfang eines Verbrechens, eines viel größeren Verbrechens.

Manche sagen, es ist genug darüber geredet worden. Die Empfindlicheren unter ihnen meinen, es gibt auch ein Verdrängen durch das Zuviel, ein Zudecken durch die Gewöhnung. Holocaust - nehmen Journalisten das Wort nicht beinahe täglich in den Mund? Mag sein, zu schnell in zu vielen Zusammenhängen. Aber: es ist noch niemals genug darüber gezeigt worden. Denn das Bild ist hier stärker als das Wort. Worte können ermüden. Vielleicht.

Vor den Bildern des Holocaust aber ist man auf furchtbare Weise wach. Sie erzwingen diesen Blick, der gleichsam ohne Lidschlag auskommen muss. Mit den Bildern aus Guido Knopps und Maurice Philip Remys neuer sechsteiliger Dokumentarreihe "Holokaust" ist jeder allein. Und jeder muss sehen, wie er ihnen standhält.

Dass er dem Zuschauer nichts davon abnimmt, ist vielleicht die größte Stärke dieser sechs Teile. Denn es gibt keine Einführung in Auschwitz. "Menschenjagd" heißt die erste Folge (ab kommenden Dienstag im ZDF, ab morgen auf Phoenix), "Entscheidung", "Ghetto", "Mordfabrik". "Widerstand" und "Befreiung" folgen bis zum 21. November. Man muss wohl erwähnen, dass "Holokaust" der bislang größte, umfassendste Versuch einer filmisch-dokumentarischen Darstellung des Mordes an den europäischen Juden im deutschen Fernsehen ist. Selten haben soviele Historiker und Journalisten zusammen an einem Projekt gearbeitet. In zwei Jahren wurden über fünfzig Archive zwischen Moskau und Washington gesichtet, bislang unbekanntes Material entdeckt, Filme auch, Kleinstausschnitte. 500 Zeitzeugen haben die Autoren weltweit befragt. Täter und Opfer. Dokumentarmaterial wechselt mit ihren Aussagen, oft in bezwingender Verdichtung. Aber es steht nicht "Täter" oder "Opfer" unter ihren Namen, nur, was sie damals getan haben, wo sie waren. Selbst bei Fritz Hippler, Regisseur von "Der ewige Jude", heißt es: Regisseur.

Warum noch mehr? Man sieht ja den Filmausschnitt, sieht die Ratten aus den Gullis quellen, eine Stadt überfluten und hört die Worte: "... nichts anderes sind die Juden unter den Menschen". Remy und Knopp haben das Richtige getan. Sie vertrauen noch auf die Kraft von "Der ewige Jude" - die Kraft, sich selbst zu richten. Sie entschärfen nichts durch wohlmeinende Moderation. Und wäre es nicht obszön, den Holocaust zu pädagogisieren, ihn bekömmlicher machen zu wollen? Die Brüche zwischen den Sequenzen beginnen zu sprechen. Und die schmerzhaften Erklärungsverweigerungen verweigern zugleich, eine Ferne zwischen uns und jenen litauischen Hilfspolizisten zu bringen, der Tag für Tag Menschen erschossen hat: "Es war wie in den Wald fahren, um Holz zu holen, weil sonst zu Hause der Ofen kalt wird. Anders kommt man damit nicht klar." Ein Unmensch oder zu sehr Mensch, um den Alltag nicht noch inmitten des Schreckens herstellen zu wollen?

Natürlich könnte man der Reihe vorwerfen, was sie alles weglässt. Aber jede Dokumentation, gerade wenn sie gut ist, ist zuletzt eine große Weglassung. Und warum das Fremde, das so überaus Zeitbedingte seiner Fremdheit berauben: "Bolschewismus ist Judenherrschaft," hieß es bei den Nazis.

Historisch denken, heißt auch, Abstände zu denken. Der Film zeigt sie. Vielleicht war es da doch zu wenig, wenn der Historiker und Berater Eberhard Jäckel auf die Frage eines Journalisten nach dem "Warum?" des Holocaust sagte: "Es gibt keine Erklärung." Er meinte wohl: keine Erklärung schafft fort, was in Auschwitz geschah. Darum wollte er auch Holocaust mit "k". Die englische Schreibung des griechischen "ganz verbrennen", das zum biblischen "Brandopfer" wurde, drücke Distanz aus.

Adorno hat gesagt, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben. Er nahm es zurück. Nicht im Namen der Normalität, sondern im Namen des Rechts auf Ausdruck. Das Gedicht ist das Recht auf den Schrei. Was Adorno meinte mit "nach Auschwitz", ist, dass der Status unseres Menschseins sich verändert hat. Es gibt für alle Späteren die Verpflichtung, diese Bilder zu kennen.

Das ZDF beginnt mit der Ausstrahlung von "Holokaust" am 17. Oktober. Die sechs Folgen laufen jeweils dienstags um 20 Uhr 15. In einer Vorabpremiere zeigt Phoenix die Reihe bereits am Sonntag um 20 Uhr 15 und zwar erstmals am 15. Oktober.

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