Medien : "Holocaust Industrie": Ein Film ohne Skandal

Kerstin Kohlenberg

Ein umstrittenes Buch erscheint in den USA. Seine These: In den USA habe sich mittlerweile eine regelrechte Holocaust-Industrie etabliert, der es nur ums Geldmachen gehe. Die Amerikaner interessieren sich kaum für diese innerjüdische Auseinandersetzung. In Deutschland wird das Buch jedoch zum Skandal erklärt. Jüdische Organisationen legen nahe, das Buch in Deutschland nicht zu verlegen, weil es antijüdische Vorurteile verstärke. Ein halbes Jahr später kommt Norman Finkelstein, der Autor, nach Deutschland, denn sein Buch wird am 8. Februar in Deutschland erscheinen.

Ein Film über dieses Buch wird in Auftrag gegeben. "Holocaust Industrie, Ein Buch - ein Skandal", und schon gibt es wieder Aufregung. Der Fernsehdirektor des SWR, Christof Schmid, nimmt den Film drei Tage vor der für heute geplanten Ausstrahlung aus dem Programm. Die Begründung: Der Film könne "ganz elementare antisemitische Empfindungen wecken". Nun soll eine überarbeitete Fassung hergestellt werden.

Der erste Gedanken, der einem durch den Kopf geht: Die haben Angst. Angst, sich einem heiklen Thema zu stellen. Die verantwortliche Radakteurin Martina Zöllner ist völlig überrascht von der Entscheidung. Vor kurzem habe Hartmann von der Tann, Chefredakteur der ARD, die SWR-Produktion gesehen und sogar überlegt, den Film im Ersten Programm zu zeigen. Es sei nur so kurzfristig kein Sendeplatz frei gewesen. Zöllner ist ratlos, denn sie findet den Film der Autorin Tina Mendelsohn sehr gelungen. War es also wirklich Angst, die Schmid zum Rückzug bewogen hat?

Schaut man sich den Film an, muss man sagen, Angst war es nicht. Denn Tina Mendelsohns Film fehlte etwas Wesentliches: eine kritische Distanz zu Norman Finkelstein und seinen Thesen. Für den Zuschauer verschwimmt die Meinung Finkelsteins mit der der Autorin. Die Interviewausschnitte sind so angeordnet, dass sie wie eine Anklage Finkelsteins gegen die Jewish Claims Conference und den Jüdischen Weltkongress wirken und deren Erwiderungen wie die unglaubwürdige Verteidigung überführter Straftäter. Beweise? Fehlanzeige. Auch Finkelstein wird nicht zu den fehlenden Beweisen gefragt. Damit bleibt der Film ebenso polemisch wie Finkelsteins Buch.

Tina Mendelsohn sagt dazu, dass es nicht ihre Idee war, den Film zu machen, denn sie fand das Buch nicht gut. Sie hätte sich aber mit dem SWR darauf geeinigt, dem Vorwurf Finkelsteins nachzugehen, dass die jüdischen Organisationen nicht im Interesse der Opfer handelten und den Holocaust als Label nähmen, um ihn für eigene Interessen auszubeuten. Sie habe, sagt Mendelsohn, mit vielen Überlebenden gesprochen, die sich durch die Claims Conference nicht vertreten fühlen, die eine regelrechte Wut auf sie hätten. Dem sei sie nachgegangen.

In der SWR-Ankündigung des Filmes war zu lesen: "In ihrem Film kehrt Tina Mendelsohn zu den Fakten zurück und untersucht jenseits von ideologischer Frontbildung die Kernthesen des umstrittenen Autors." Genau das tut sie aber nicht. Anstatt sich kritisch mit den Thesen des Buches auseinander zu setzen, zeigt sie vor allem die Wut einiger früherer Zwangsarbeiter auf die jüdischen Lobbyvereine. Und damit erzeugt sie den Eindruck, als stünden diese Überlebenden auf Seiten Finkelsteins und würden seine Vorwürfe teilen. Aber ist es wirklich nachzuvollziehen, dass ehemalige Zwangsarbeiter der Claims Conference vorwerfen, dass sie unrechtmäßig Geld von Deutschland und der Schweiz fordere?

Im Film ist ein ehemaliger Zwangsarbeiter zu sehen, der wütend einen Papier in die Kamera hält. Darauf steht, dass die Claims Conference 4,8 Millionen Dollar des Wiedergutmachungsgeldes aus der Schweiz für Gehälter ausgebe. Die Autorin versäumt es jedoch, diese Zahl in irgend einer Weise einzuordnen. Wie viele Angestellte hat denn die Claims Conference? Wie hoch ist die Gesamtsumme? Sind die Personalkosten seit den Sammelklagen gestiegen? Hier werden massive handwerkliche Fehler deutlich.

Ähnlich verhält sich der Film, als es um die Bewertung der Sammelklagen als solches geht. Mendelsohn zeigt eine Frau, ihre Empörung über die Sammelklagen und ihren Anwalt Ed Fagan. Sie fühle sich betrogen, denn in der großen Klage, seien ihre individuellen Ansprüche völlig verloren gegangen. Das ist die Sicht der Betroffenen, deren Geldforderungen nicht wie erwartet in Erfüllung gegangen sind. Mendelsohn versäumt jedoch zu recherchieren, wie hoch die Chance eines einzelnen Klägers gegen die Schweizer Banken gewesen wäre. Statt dessen kommentiert sie: "Je mehr Überlebende, desto weniger Geld für den einzelnen, desto mehr Einkünfte für die Anwälte." Sie macht sich die Position der Überlebenden zu eigen,bleibt nicht neutral. Ansonsten hätte sie erwähnen müssen, dass die 1,25 Milliarden Dollar, auf die sich die Schweizer Banken mit den Anwälten nach der Sammelklage geeinigt haben, nur deshalb zustande kam, weil so viele Überlebende geklagt haben.

Sie habe kein Film zum Buch gemacht, sagt Tina Mendelsohn, denn dieses Buch sei eine Streitschrift und ein wütendes Pamphlet. Für sie sei es interessant gewesen, dass sich auch andere Historiker mit dem Thema befasst haben, so wie Raul Hilberg oder Gabriel Schoenfeld. Schoenfeld habe zwar heftig versucht, sich von Finkelstein zu distanzieren, sagt Mendelsohn, aber er sage in manchen Punkten ja etwas ganz Ähnliches. Leider tauchen diese Differenzierungen im Film nicht auf, und so wird fast jede Aussage als Argument für Finkelstein verstanden. Mendelsohn hat wirklich keinen Film über Finkelsteins Buch gemacht, leider verspricht das aber der Titel.

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