Medien : Hooligandamm

Als anonyme Gespenstergruppe geistert der „schwarze Block“ durch die Nachrichten vom Gipfeltreffen

Caroline Fetscher

Wie denn so die Stimmung sei im „schwarzen Block“, wollte eine Reporterin der „taz“ diese Woche von einem Demonstranten wissen. Dessen Wunsch war es, anonym zu bleiben. Er gab zur Antwort: „Man guckt sich an, sieht Sonnenbrillen und schwarze Kapuzen und erkennt, man gehört zusammen.“ Man erkenne einander, schwärmte der Mitte- Zwanzig-Jährige, offenbar nach Worten ringend, „am Nichterkennen“. Das sei „ganz, ganz eigenartig“, gab er zu. „Aber es gibt dieses verbindende Gefühl.“ Uns, dem Medienpublikum, haben sie nun noch mehr Krawall in Aussicht gestellt, die Regisseure und Randalisten der Inszenierung „schwarzer Block“, Leute, die sich – wenn sie denn gelegentlich sprechen – relativ diffus als Anarchisten oder Syndikalisten, radikale Linke, Radikale, Anarcho-Autarkisten, autonome Anarchisten und vieles mehr bezeichnen.

Tausende der Demonstranten, die in und um Rostock gegen den G-8-Gipfel protestieren, hatten sich komplett in Schwarz gekleidet, ihre Gesichter mit schwarzen Motorradhelmen, Sonnenbrillen, Schals oder Skimasken verhüllt. Steinewerfen und Glas splittern lassen, Pflaster aufreißen, Marschieren und Brüllen gehören zu ihren Aktivitäten. In der Tat ist es „ganz, ganz eigenartig“, dass diese Leute aneinander das Nichterkennen als Merkmal schätzen. Sowohl medial wie auch sozialpsychologisch stellt der „schwarze Block“ ein hochinteressantes Phänomen dar. Als Gespenst des Gipfels geistert er dieser Tage durch die Nachrichten, um das Treffen der Mächtigen in Heiligendamm in ein Hooligandamm zu verwandeln, mittels einer beabsichtigten Unheimlichkeit, sozusagen anhand von kalkulierter schwarzer Magie.

Obwohl der „schwarze Block“, anders als mediale Erscheinungen wie der „Blaue Bock“, weder einen Sprecher, einen Sänger noch ein Gesicht hat, obwohl er nicht über ein Manifest verfügt noch einen „schwarzen Blog“ unterhält oder eine andere Website, fasziniert er Redaktionen und Kameraleute. Neben dem Warten auf Krawattenmänner und eine Kostümfrau, die hinter verschlossenen Türen debattieren werden, neben den bunten Bildern, die die Regenbogen-Protestler bieten, mutiert der „schwarze Block“ mit seinen jugendlichen, überwiegend männlichen Freizeit–Guerilleros aus ganz Europa und angeblich sogar aus Japan zum Medienereignis. Interessant daran ist, wie der „Block“ sich selbst zur Aussage wird – seine Teilnehmer bilden keinen Verein, sie sammeln keine Spenden, streiten nicht um individuelle Aufmerksamkeit, sondern um das Wahrgenommenwerden als solches. Da sie sich weder verbal kohärent artikulieren noch einlösbare Forderungen stellen, werden sie selbst zur Botschaft, und operieren als politische „Black Box“, ein Ausdruck, der aus der militärischen Fernmeldetechnik kam. So hieß erbeutetes Feindgerät, das Sprengstoff enthalten konnte.

Seine Botschaft zu dechiffrieren, überlässt der „schwarze Block“ den anderen, wie ein Träumender einen Albtraum. Beim Versuch, die Botschaft zu analysieren, muss man sich zunächst am Augenschein orientieren. Schwarz tritt als Farbe hier von Kopf bis Fuß veräußerlicht auf, und in unserem kulturellen Kodex symbolisiert Schwarz das Negative, das Negierende. Es zeigt Nacht und Tod an, auch Ablehnung und Gewalt, oder die dunklen Seiten des Eros, wovon Sado-Maso-Rituale Gebrauch machen. Auf Friedhöfen, bei feierlichen Anlässen und in Diktaturen dominiert Schwarz in der Kleidervorschrift oder bei Uniformen, siehe die „Schwarzhemden“ in Italien. „Hasskappen“ nennt die Block-Szene ihre Kopfbedeckung gern, ein Indiz für den basalen Affekt, der über das bloße Nein hinausweist. Furchterregend soll das namenlose und gesichtslose Gothic-Kollektiv wirken, das da dieser Tage auftritt. Seit den 80er Jahren formieren sich schwarze Blöcke am Rand von Demonstrationen, im eklatanten Widerspruch zur Mainstream-Symbolik von Protest. Munter beruft sich der Mainstream auf Buntes, auf Farben, Regenbögen, Vielfalt und multikulturelles Miteinander, das oft karnevalesk auf die mediale und lokale Bühne gebracht wird. In dem Mikrokosmos kommen Lichterketten und Luftschlangen zum Einsatz, selbst gemalte Plakate, Masken, Fingerfarben, Pappmaché-Figuren, und, wie an der Ostsee, Aktionen, die mit Nacktheit spielen oder mit Blumen oder mit Baden und Booten.

Als wollten sie die Schattenseite, das Unbewusste dieses Protest-Kinderladens aber auch das der „Mächtigen“ illustrieren, formieren die Leute vom „schwarzen Block“ sich zum düsteren Gegenbild des Gipfels und des Faschings. Sie verstoßen gegen das Gesetz „Vermummungsverbot“, sie bilden eine homogen anmutende Inszenierung von Widersprüchen. Mitten in der Unkenntlichkeit hoffen sie zugleich unbedingt darauf, gesehen, gefilmt, fotografiert zu werden – ohne die Blicke der Öffentlichkeit wäre ihre Inszenierung witzlos. Sie tragen die Farbe der unheimlichen Rabenvögel und Fledermäuse, reklamieren Teilhabe an einem Widerstand gegen bedrohliche Mächte. Am rührendsten vielleicht der unbewussteste aller Fehlschlüsse: Uniformiert, einfarbig, einsilbig – analog zu ihren Widersachern, den „Bullen“ – wollen sie als jene gelten, denen es um Freiheit und Dialog geht. Würde der „schwarze Block“ in sich selber hineinsehen, bekäme er wahrscheinlich einen ziemlichen Schrecken, ehe er, aufgewacht, hoffentlich über sich selber lachen müsste.

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