• HR-Fernsehspielchefin gibt bekannt: Der normale "Tatort"-Zuschauer soll vom Sofa springen
Update

HR-Fernsehspielchefin gibt bekannt : Der normale "Tatort"-Zuschauer soll vom Sofa springen

Hessischer Rundfunk kündigt relativ normalen "Tatort" mit Ulrich Tukur an - und verteidigt Dada-Folge vom vergangenen Sonntag

von
Der "Tatort - Wer bin ich?" mit Ulrich Tukur spaltet die Nation.
Der "Tatort - Wer bin ich?" mit Ulrich Tukur spaltet die Nation.Foto: Kai von Kröcher/HR/dpa

Nach seinem umstrittenen Meta-Sonntagskrimi „Wer bin ich?“ kündigt der Hessische Rundfunk (HR) eine weniger ausgefallene Episode mit Ulrich Tukur an. „Der nächste „Tatort“ mit Tukur wird übrigens relativ normal, da geht er nur als Figur Murot psychisch an seine Grenzen zusammen mit seiner Assistentin“ sagte am Dienstag die zuständige hr-Redakteurin Liane Jessen der Deutschen Presse-Agentur. Gegen Kritik, der am Sonntag im Ersten gezeigte Film-im-Film habe das Format überspannt, sagte Jessen: „Wo, wenn nicht hier zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr, können Fernsehmacher noch relevant etwas erzählen oder Räume austesten und mediale Diskussionen anfachen? Wir müssen Sehabenteuer wagen. Wenn wir heute noch die Krimis der 70er machen würden, wäre der „Tatort“ längst tot. Deshalb wollen wir das Genre ständig erweitern, damit der „Tatort“ überhaupt überlebt.“
Neues werde heute weniger über Inhalte transportiert, meinte Jessen, denn alles sei schon mal erzählt worden. „Wirklich Bewegung erreichen Sie eher, wenn Sie auch mal die Form verändern. Das wussten schon die Dadaisten. Dann springt der normale Zuschauer vom Sofa. Das ist doch auch mal toll. Fernsehen muss sich etwas trauen.“

Am vergangenen Sonntag hat sich der HR mit der Folge "Wer bin ich?" viel getraut und viele Fragen aufgeworfen. Denn: Fernsehen ist Gewohnheit. Und die Erwartung, dass sich das Einschalten lohnt. Beim „Tatort“ kommt beides zusammen – liebgewonnene Gewohnheit und erfüllte Erwartung. Nur in dieser Kombination ist es dem ARD-Krimi gelungen, am Sonntag um 20.15 Uhr eine überragende Programmmarke auszubilden. Und allein der „Tatort“ kann mit den Fußballquoten mithalten: 9,6 Millionen Zuschauer haben 2015 im Schnitt eingeschaltet, der „Tatort: Schwanensee“ wird mit 13,69 Millionen die meistgesehene Sendung dieses Jahres sein. Deutschland, einig „Tatort“-Land.

"Was soll das?" - gefährliche Frage für den Krimi

In diese Glücksseligkeit ist am vergangenen Sonntag der „Tatort: Wer bin ich?“ mit Ulrich Tukur eingebrochen. Mindestens ein Film-im-Film, ein Metakrimi, 90 Minuten, die nicht wenige der sieben Millionen Zuschauer verstörten, verärgerten. Die Produktion des Hessischen Rundfunks brachte eine für das Krimiformat gefährliche Frage, herauf: Was soll das? Sind die Redakteure, die Produzenten, die Schauspieler der Ulrich-Tukur-Schwergewichtsklasse derart selbstverliebt, dass sie sich nur noch für Stoffe und Dramaturgien interessieren, die ihnen gefallen? Die Wiedergeburt des Experimentalfilms ausgerechnet am Sonntag um 20.15 Uhr?

Der „Tatort“ läuft in seinem 45. Jahr, 2015 gab es mit 40 Premieren so viele wie nie zuvor. Da kann es den neun ARD-Landesrundfunkanstalten nicht genügen, Krimis quasi nach der „Tatort“-Schablone zu fertigen. Erste Minute: Mord; 46. Minute: „Wo waren Sie gestern zwischen 20.15 Uhr und 21.45 Uhr?“; Schlussminute: Geständnis, Verhaftung. Fernseher aus, Krimi tot.

Es gab mancherlei Entgrenzung: Der NDR setzte einen Fall nach drei Jahren fort, der HR produzierte einen Shakespeare-Western, Til Schweiger schießt seinen „Tatort“ erst im Kino zu Ende, in Münster wird die Klamaukschraube zum Quietschen gebracht, die Kommissare in Dortmund und in Saarbrücken sind nicht ganz von dieser Welt.

Whodunit-Stil kann durchaus reizvoll sein

Dazwischen und in der Hauptsache: „Tatorte“ wie jene aus Köln und München, wo sich ältere Herren in Rollator-Geschwindigkeit zur Fahndung bequemen. Der Tod des „Tatorts“ tritt ein, wenn die Macher aus der Gewohnheit des Publikums die Erwartung ans Publikum formulieren. Wenn die Spannung aufs neue Krimistück durch Entspannung während der 90 Minuten enttäuscht wird. Der „Tatort“ kann niemals „Soko“ sein, die Irritation des Zuschauers ist ein essenzieller Erfolgsfaktor. Sie muss sich nicht zwangsläufig im Film-im-Film-im-Film-Ansatz ausdrücken, sie kann im klassischen Whodunit-Stil ihren Reiz entfalten.

Soll keiner sagen, der „Tatort“ sei unkaputtbar. „Wetten, dass..?“ war ganz schnell ruiniert. Das große Fernsehpublikum – siehe Gewohnheit und Erwartung – ist strukturkonservativ. Und hat ein sehr feines Gespür dafür, was zur „Tatort“-Formel passt. Experimente wie der Tukur-Fall werden zwar leidenschaftlich, doch in der festen Annahme diskutiert, dass die Ausnahme die Ausnahme bleibt. „Tatort“ auf „Tatort“, die nur mit Bedienungsanleitung funktionieren, werden ihre zehn Millionen Zuschauer nicht finden. Weil Publikums Antwort auf die Krimi-Frage „Wer bin ich?“ dann heißt: „Nicht mein Problem.“

Autor

16 Kommentare

Neuester Kommentar