Medien : Humor für Deutschland

Aus Viva plus wird heute Comedy Central

Alice Bota

Schimpfen Sie. Schimpfen Sie darüber, dass Frauen in Spanien und Deutschland identische Blusen und Hosen tragen, weil seit einigen Jahren Europäerinnen im großen Stil bei einem schwedischen Textilunternehmen kaufen. Schimpfen Sie über die „Starbucks“ und „Balzacs“, die mit denselben Cord-Sesseln die Kaffeekultur jeder Stadt kaputt machen. Ja, Globalisierung kann nivellierend, tückisch, böse sein. Aber im besten Fall funktioniert sie so: Ein Produkt ist besser als ein anderes, und deshalb setzt es sich auch auf anderen nationalen Märkten durch.

Auf den Fernsehmarkt übertragen heißt das: Deutsche Comedy-Serien wie „Alles Atze“ oder „Axel will’s wissen“ werden – Besonderheiten der deutschen Kultur hin oder her – deshalb nicht in die USA verkauft, weil sie nicht witzig sind. Nur, weil der deutsche Zuschauer konsumiert, was man ihm hinhält, heißt es nicht, dass auch andere vor Vergnügen quietschen. Comedy Central, der erste reine Humor-Kanal im deutschen Free-TV, will von heute an vieles anders, wenn nicht besser machen. Dafür muss der Musiksender Viva plus gehen. Time Warner hatte vor über drei Jahren seine Anteile an dem Sender an Viacom, dem Mutterkonzern von MTV Networks und damit Comedy Central, verkauft. Weil aber nach Auskunft von Markus Andorfer, Senderchef von Nick und Comedy Central, „niemand drei Musiksender“ braucht, muss Viva plus in die TV-Annalen eingehen – Viva und MTV als Musiksender reichen. Comedy Central übernimmt den Programmplatz mit einer Reichweite über Kabel und Satellit für mehr als 30 Millionen Haushalte.

Die Macher lehnen sich weit aus dem Fenster; auf der deutschen Internetseite wird mit dem Slogan „Der neue und einzig wahre Comedy-Sender“ geworben, ein Seitenhieb in Richtung Sat 1, das schon seit Sommer 2006 einen Comedy-Kanal anbietet – allerdings als Pay-TV.

Vorbilder für einen Sender wie Comedy Central gibt es im Ausland zuhauf. Comedy Central entstand vor 16 Jahren aus einem Pay-TV-Kanal von Time Warner und einem Comedy-Sender von MTV Networks. Seitdem zieht Comedy Central durch die europäische Fernsehlandschaft. Allein im vergangenen Jahr lief der Sender in Spanien, Italien und Polen an. Und jetzt in Deutschland.

Nichts gegen deutsche Sendungen wie „Axel will’s wissen“. Soll schauen, wer mag. Nur sind sie selten komisch oder gar innovativ. Die besten Ideen kommen nun mal nicht aus Deutschland – und dafür können nicht immer die Künstler was. Die Entwicklung kreativer Formate kostet viel Geld – und was, wenn das neue Format dann floppt? Oliver Kalkofe, TV-Macher und Kritiker, hat es im „Spiegel“ auf den Punkt gebracht: „Jede wirklich neue originäre Idee ist für den gewöhnlichen TV-Redakteur die Einladung zum russischen Roulette. Diese Verantwortung will niemand tragen. Große Erfolge aufzuweisen ist nicht halb so wichtig wie das Umgehen großer Misserfolge.“ Also weiter die bewährten Formate aus dem Ausland übersetzen und eindeutschen.

Comedy Central will Sendungen zeigen, die das Etikett verdienen. Der deutsche Sender funktioniert so: in der Hauptsache US-amerikanisches Material, dazu deutsche Beigaben, vor allem aber: viel Neues. Man habe einen zweistelligen Millionenbetrag investiert, sagt Markus Andorfer und wolle „kein reiner Abspielsender“ sein. Rund 75 Prozent der Sendungen kommen aus Großbritannien und den USA, darunter werden 30 Deutschland-Premieren sein. Der grandiose US-Komiker und Bush-Kritiker John Stewart wird einen Tag nach der US-Ausstrahlung laufen, preisgekrönte Formate wie „Extra“ mit Ben Stiller oder „Little Britain“ werden gezeigt. Spätabends legen deutsche Komiker los. Der Sender präsentiert Badesalz, Mundstuhl, Para-Comedy (Behinderte treten als Komiker auf), Kargar und Klaus-Jürgen „Knacki“ Deuser von der Sendung „Nightwash“, die bislang im WDR lief. Deuser gilt als Aushängeschild des Senders.

Zweifel daran, dass ausländische Comedy in Deutschland funktioniert, hat Andorfer nicht. Sicher, der Deutsche neige zu Kalauer-Humor, aber humoristische Trennlinien seien eher eine Geschlechts- und Generationsfrage. Frauen lachten eher über feinen Wortwitz, Männer hingegen über Haudrauf-Komik, so der Senderchef. Deshalb wird das Programm nachmittags „weiblich“, am späten Abend hingegen „männlich“ ausgerichtet sein. Aber ansonsten meint Andorfer: „Der 30-jährige Deutsche lacht nicht über andere Dinge als der 30-jährige Amerikaner.“ Ist auch der Humor schon globalisiert?

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