Medien : Humor gesucht

Reinhard Siemes

Als in den 80er Jahren die englische Wirtschaft mindestens so tief im Keller war wie heute die deutsche, liefen Londons Werber zur wahren Hochform auf. Die Fernsehspots, die sie ablieferten, folgten einer alten englischen Tugend: Galgenhumor.

Einige brachten es sogar bis zur Selbstironie. Ein Film zeigte einen ausgemergelten Gefangenen, der unter einer Luke seiner Zelle an den gestreckten Armen angekettet war. Plötzlich entdeckt er in der Luke eine Tüte mit Tropicfruit-Bonbons, offenbar vom Wärter dort liegen gelassen, und es gelingt ihm, eins der Bonbons rauszufingern und in den Mund zu stecken. Die Gefängniswand verschwindet und blauer Himmel mit Palmblättern tut sich hinter ihm auf.

Dabei geht die Kamera etwas zurück und zeigt, dass er jetzt an zwei Palmen angekettet ist. Dieser Spot hatte durchaus symbolischen Charakter. Denn die damalige Tory-Regierung versprach dem gemeinen Bürger ständig paradiesische Zustände. Die führten dann stets ins nächste Chaos.

Warum gibt es Filme wie diese nicht bei uns in Deutschland? Die Zeiten wären danach. Auch die Stimmung der Bürger (siehe Steuer-Song). Leider fehlt den Unternehmen, die solche Spots genehmigen müssten, die wichtigste Voraussetzung – der Galgenhumor. Sie verlegen sich lieber aufs Abwarten und Jammern, weshalb die Werbeblöcke zur Zeit noch ätzender sind als sie ohnehin schon waren.

Statt über neue Spots nachzudenken, die Bezug auf die Situation der Zuschauer nehmen, lassen sie lieber zum 5000. Mal den alten Hobel mit der geklauten Klopapierrolle laufen. Oder mit dem Mann, der seit vier Jahren rückwärts in die Dünen fällt, weil er zuviel Bier getrunken hat. Wie schön wäre ein Werbefilm mit einem AG-Vorstand aus der IT-Branche, der auf alles schimpft – nur nicht auf seine eigene Unfähigkeit. Aber wofür soll der werben? Reinhard Siemes

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