Humor im ZDF : „Irgendeine Krise ist immer“

Wie kommt die „heute-show“ zu ihren Gags? Ein Gespräch mit Chefautor Morten Kühne.

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Nein, der Herr links war nicht Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, sondern „heute-show“Moderator Oliver Welke. Das freute Pofallas CDU-Parteifreund Wolfgang Bosbach. F.: ZDF
Nein, der Herr links war nicht Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, sondern „heute-show“Moderator Oliver Welke. Das freute Pofallas...

Herr Kühne, welche Partei hat zurzeit das größte Humorpotenzial?

Sicher die FDP, aber sich über sie lustig zu machen, ist mittlerweile zu billig. Schön ist das Comeback der SPD. Wer hätte das gedacht? Der Wähler ist schon so verzweifelt, dass die SPD im Aufwind ist. Es gibt genug Stoff. Irgendeine Krise ist immer. Da gibt es emotionale Statements und klare Lagerbildung. Das ist von Vorteil, wenn man Gags schreiben will.

Sie waren Autor bei den „Freitagnacht News“ bei RTL, schreiben auch für „Ladykracher“ (Sat1) und „Switch Reloaded“ (Pro 7). Was ist das Besondere an der „heute-show“?

Dass man ausgerechnet bei den Öffentlich-Rechtlichen eine, wie soll ich sagen, freie Satire-Show machen kann. Das hätte ich vor ein paar Jahren auch nicht gedacht. Natürlich wird auf die Quoten geguckt, aber nicht in dem Maße wie bei den privaten Sendern.

Müssen Sie beim ZDF nicht ausgewogen sein?

Müssen wir nicht, aber wir wollen keine Sendung werden, die eine ganz bestimmte Tendenz hat. Wir kriegen auch keine Vorgaben vom ZDF, wir versuchen von uns aus, ausgewogen zu sein. Im klassischen Kabarett wurde traditionell gegen die CDU ausgeteilt. Bei uns bekommen alle etwas ab. Ist ja auch so: Jeder benimmt sich mal daneben.

Was muss man heutzutage als Autor an Talent mitbringen, was kann man lernen?

Witzig sein kann man nicht lernen. Aber im Prinzip gilt natürlich: Je mehr ich schreibe, desto besser werde ich. So nebenbei lässt sich der Beruf nicht ausüben. Heute kann man auch nicht mehr einfach was klauen, weil dank Youtube alles bekannt ist. Selbst die obskurste Sketchsendung aus Australien.

Chefautor, das klingt nach Hierarchie. Sitzt da nicht einfach ein Haufen lustiger Menschen zusammen, die sich gemeinsam ein paar Witze ausdenken?

So ist es auch. Wir kultivieren die amerikanische Art des „Staff-Writing“, bei dem man sich die Bälle zuspielt, weil dabei die meisten Ideen herauskommen. Aber irgendwann muss man den Prozess konzentrieren, weil die Sendung zusammengebastelt werden muss. Auch Oliver Welke hat detaillierte Vorstellungen und ist nicht nur der Vorleser.

In der „heute-show“ waren bereits mehrfach Gäste eingeladen. Wird eine LateNight-Show draus?

Nein. Wir versuchen, eine eigene Art des Talks zu etablieren. Es muss interessant sein und eine Relevanz haben. Deswegen wollen wir das auch nicht jede Woche machen. Politiker zu bekommen, war anfangs nicht so einfach, weil niemand der Erste sein wollte. Noch mal großen Respekt für Claudia Roth von den Grünen, das war wirklich eine tolle Sendung mit ihr.

Besteht da nicht die Gefahr der Vereinnahmung?

Frau Roth hat sich eben getraut. Wenn das jemand unfair findet, kann er gerne auch kommen. Es geht ja nicht darum, die Leute fertigzumachen.

Nein, das hatte Wolfgang Bosbach, Gast in der vergangenen Sendung, schon in der eigenen Partei erlebt. Wird der Auftritt in der „heute-show“ zu einer Art Gegengift gegen den humorlosen Politikbetrieb?

Das wäre toll. Wolfgang Bosbach hat sich als extrem schlagfertiger und lustiger Gesprächspartner erwiesen.

Und wie wär's mit Rainer Brüderle, dem FDP-Fraktionschef im Bundestag?

Ich würde mich freuen, wenn er kommt. Aber in Deutschland gibt es noch nicht die Kultur, dass die A-Liga der Politiker im Entertainment-Bereich unterwegs ist. In den USA kommt selbst der Präsident in Late-Night-Shows.

Ist es bei Politikern nicht sehr schwer, überhaupt etwas Unterhaltsames zu finden. Was ist zum Beispiel mit Angela Merkel?

Mit Frau Merkel ist es schon fast so wie bei Helmut Kohl – dieses gefühlte Immer-da-Sein. Jeder Witz ist schon acht Mal erzählt worden. Spannender ist es bei der SPD und ihrer Suche nach dem Kanzlerkandidaten. Wenn die Leute noch hungrig sind und sich beweisen wollen, dann ist es schön. Philipp Rösler zum Beispiel. Der hat aber jetzt Pech gehabt mit seinem neuen Job.

Das Interview führte Thomas Gehringer.

Morten Kühne, 39, ist Kopf eines siebenköpfigen Autoren-Teams, das mit Moderator Oliver Welke die Texte und die Gags der „heute-show“ schreibt, am Freitag um 23 Uhr 15 im ZDF.

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