Medien : Hundert,6 ist insolvent

Thomas Thimme sendet weiter. Mitarbeiter kritisieren „unseriöses Geschäftsgebaren“

Ulrike Simon

Am Montag bewahrheitete sich, was die Mitarbeiter des Berliner Radiosenders Hundert,6 Ende vergangener Woche befürchteten (der Tagesspiegel berichtete). Geschäftsführer Thomas Thimme hat für die Hundert,6 Medien GmbH Insolvenz angemeldet. Dies teilte er in einem Brief an die Mitarbeiter mit, den eine Sekretärin in ihrem Schreibtisch fand. Thimme hatte telefonisch gebeten, den Brief an die Mitarbeiter zu verteilen.

Rund dreißig Mitarbeiter fanden ihre Arbeitsplätze verwaist vor. Hundert,6 sendet seit Montag, 5 Uhr, aus der Potsdamer Straße 131 dasselbe Programm wie auf der Frequenz des Schwestersenders „Best of Deutsch“. Nur ein Dutzend Mitarbeiter, fast alle Moderatoren sowie Angestellte aus dem Marketing und der EDV, haben für das neue Hundert,6 an der Potsdamer Straße Arbeitsverträge bekommen. Es heißt, sie hätten wegen dieser „Geheimaktion“ Stillschweigen vereinbaren, Aufhebungsverträge unterschreiben und für die neuen Verträge eine Probezeit akzeptieren müssen. Alle anderen wissen nicht, wie es weitergeht, der Betriebsrat prüft rechtliche Schritte, ob zum Beispiel der Sendebetrieb aus der Potsdamer Straße gestoppt werden kann.

Der Stoff eignet sich für einen hochkomplexen Wirtschaftskrimi. Am Montag, in einer trotz Thimmes ausdrücklichem Verbot eilig improvisierten Pressekonferenz, erzählte einer der zurückgelassenen Mitarbeiter, wie er in der Nacht zum vergangenen Sonntag am (alten) Senderstandort Katharina-Heinroth-Ufer 1 sein Auto aus der Tiefgarage holen wollte, um nach Hause zu fahren, als er dort zwei Männer in einem Auto bemerkt habe. Um nicht gesehen zu werden, waren sie tief in die Sitze gerutscht. Kurze Zeit später, als der Mitarbeiter nochmals zum Sender zurückging, hatten sich die Männer bereits ans Werk gemacht, um verschiedene Dinge aus dem Sender wegzuschaffen. Schon zuvor seien, meist nachts, LKWs vorgefahren, es waren Ordner beiseite geschafft und diverse Geräte abgeschraubt worden, berichten die Mitarbeiter. Der Vermieter sperrte am Wochenende sogar den Lastenaufzug, damit das schwere Gerät nicht abtransportiert werden kann.

Am Montag, kurz nach fünf Uhr, ging der Wortchef des alten Hundert,6 mit zwei Kollegen zu Thimmes Studios in der Potsdamer Straße, wo nicht einmal ein Firmenschild auf den Sender hinwies. „Eine Wachschützerin öffnete die Tür einen Spalt breit“, erzählte Beck. Er bat um ein Gespräch mit Thimme, doch die Tür ging wieder zu und blieb auch geschlossen.

„Glauben Sie, das macht mir Spaß?“ sagte Thimme gestern zum Tagesspiegel auf die Frage, warum er diese Nacht- und Nebelaktionen veranstaltete und die Mitarbeiter uninformiert ließ. Schuld an allem sei die Altlast, die der frühere Geschäftsführer Georg Gafron und Thomas Kirch hinterlassen hätten. Der Sohn von Leo Kirch war bis zu dessen Pleite Eigentümer des Senders. „Hundert,6 hat einen Prozess mit Mietrückforderungen über 2,82 Millionen Euro gegen die CGI laufen“, schreibt Thimme. CGI ist der Vermieter für die überteuerten Räume am Katharina-Heinroth-Ufer. Vergleichsverhandlungen, die Thimme Anfang April noch führte, um die Mietforderungen zu verrechnen, seien gescheitert. Daher habe er nur die Alternative gehabt, die Hundert,6 Medien GmbH mitsamt den Tochterfirmen wie die Mediatainment GmbH insolvent gehen zu lassen.

Schon zuvor hatte Thimme die Lizenz auf die Power Radio GmbH überschrieben. Ihr gehört jetzt auch die Frequenz 100,6. Es ist zumindest juristisch äußerst raffiniert, wenn Thimme daher sagt: „Die Power Radio GmbH und Hundert,6 sind zwei Unternehmen, die nichts miteinander zu tun haben“. Dieses Geschäftsgebaren sei „unprofessionell, unseriös und stillos“, sagen die Mitarbeiter, die sich in der Situation sehen, dass Thimme Hundert,6 vor die Wand fahren ließ, um Kündigungen und Verhandlungen mit dem Betriebsrat zu entgehen.

Thimme bestätigt, einiges aus den alten Räumen weggeschafft zu haben. Das seien persönliche Unterlagen gewesen und Geräte aus dem Eigentum von Medialog, sagt er. Medialog gehört auch zu Thimmes Firmengeflecht und ist am Montag offiziell ebenfalls in die Potsdamer Straße umgezogen. „Übergangsweise“, betont Thimme. Im kommenden Jahr will er in den Steglitzer Neubau zu den Sendern Kiss, Berliner Rundfunk und r.s.2 ziehen. Das identische Programm, das derzeit sowohl auf 100,6 als auch auf der Frequenz von „Best of Deutsch“ gesendet wird, laufe ebenfalls nur übergangsweise, sagen Thimme und auch die Medienanstalt Berlin-Brandenburg. Das richtige Programm werde gestartet, sobald Thimme weiß, welche technische Ausrüstung er aus der Insolvenzmasse kaufen könne. Dann wolle er auch weitere Mitarbeiter übernehmen, schließlich sendet er seit Montag praktisch ohne Redaktion.

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